Montag, 7. Mai 2007
Nach fast zwei Jahren Wortgewebe kommt jetzt was Neues. Da drüben gehts weiter, wer mitkommen will, ist willkommen! Es geht los, ich setze an zur Wortlandung !
Mittwoch, 2. Mai 2007
Shakespearience
Wann sind wir drei wieder hier,
Bei Donner, Blitz und Sturmesgier?
Wenn das Wirrwarr ist vorbei,
Blut und Rausch und Schlachtgeschrei.
Das sei noch eh der Tag vorbei...
Bei Donner, Blitz und Sturmesgier?
Wenn das Wirrwarr ist vorbei,
Blut und Rausch und Schlachtgeschrei.
Das sei noch eh der Tag vorbei...
Montag, 30. April 2007
Glückstag mit Beigeschmack
Manchmal gibt es Tage, da läuft einfach alles richtig!
Man lernt die richtigen Menschen kennen. Man erlebt einen guten Mittag mit ihnen. Man sitzt noch auf ein Erfrischungsgetränkchen zusammen, bevor wieder jeder seines Weges zieht, allseits mit dem schönen Gefühl, dass man auch mit zuvor völlig fremden Erdenbewohnern gut auskommen kann, wenn die Stimmung stimmt und wenn der Umgang miteinander wohl ausgewogen ist und wenn sich alle ehrlich und mit Boden unter den Füßen einander begegnen. Man kommt heim, kocht sich was, das Essen schmeckt, ein Glas Wein dazu. Ein Bekannter kommt vorbei, gibt einem viele kompetente Tipps für die anstehende Baumaßnahme und macht das einfach nur so, weil er dir gerne hilfreiche Tipps geben möchte. Eine gut gemachte TV-Doku über Vulkane läuft im Vorabendproramm, und ausnahmsweise nimmt man sich sogar mal wieder die Zeit, einen entspannten Abend bei einem Fernsehfilm zu genießen, welcher einen zu allem Überfluss auch noch mit seiner geballten Ladung süßem Kitsch still im Herzen berührt.
An manchen Tagen läuft einfach alles wie mit griechischem Olivenöl, kaltgepresst, geschmiert. - Seltsam ist nur, dass am Ende eines solchen wunderbaren Tages immer noch irgendetwas Dummes passieren muss, irgend eine Sache völlig schräg laufen muss, aus dem Ruder gerät, um dem Tag noch einen derben und völlig unnötigen sauren Beigeschmack zu verleihen. DAS ist wirklich eine blöde Sache.
Man lernt die richtigen Menschen kennen. Man erlebt einen guten Mittag mit ihnen. Man sitzt noch auf ein Erfrischungsgetränkchen zusammen, bevor wieder jeder seines Weges zieht, allseits mit dem schönen Gefühl, dass man auch mit zuvor völlig fremden Erdenbewohnern gut auskommen kann, wenn die Stimmung stimmt und wenn der Umgang miteinander wohl ausgewogen ist und wenn sich alle ehrlich und mit Boden unter den Füßen einander begegnen. Man kommt heim, kocht sich was, das Essen schmeckt, ein Glas Wein dazu. Ein Bekannter kommt vorbei, gibt einem viele kompetente Tipps für die anstehende Baumaßnahme und macht das einfach nur so, weil er dir gerne hilfreiche Tipps geben möchte. Eine gut gemachte TV-Doku über Vulkane läuft im Vorabendproramm, und ausnahmsweise nimmt man sich sogar mal wieder die Zeit, einen entspannten Abend bei einem Fernsehfilm zu genießen, welcher einen zu allem Überfluss auch noch mit seiner geballten Ladung süßem Kitsch still im Herzen berührt.
An manchen Tagen läuft einfach alles wie mit griechischem Olivenöl, kaltgepresst, geschmiert. - Seltsam ist nur, dass am Ende eines solchen wunderbaren Tages immer noch irgendetwas Dummes passieren muss, irgend eine Sache völlig schräg laufen muss, aus dem Ruder gerät, um dem Tag noch einen derben und völlig unnötigen sauren Beigeschmack zu verleihen. DAS ist wirklich eine blöde Sache.
Freitag, 27. April 2007
Keine Sehnsüchte mehr?
Von wegen! Meine größte Sehnsucht hat den Vorteil, dass man sie täglich 24 Stunden umsetzen kann, wenn man es wirklich will und macht. Sie heißt: Lebendig sein.
Donnerstag, 26. April 2007
Jeder was Anderes
Wer kennt es nicht, das Phänomen Jeder sagt was Anderes?!
Du fragst zum Beispiel fünf Handwerker, um klare Richtlinien zu erhalten, wie die Dachdämmung am besten bewerkstelligt werden sollte, ob man einen Holzboden tatsächlich abscheifen oder doch nur ölen muss, ob jetzt Fermazell- oder vielleicht doch Rigips-Platten weniger gesundheitsbelastende Substanzen aufweisen... - und du wirst fünf unterschiedliche Antworten bekommen, und in Handwerker-Foren des Internets bekommst du nochmal 100 weitere Meinungen dazu. Wer kennt das nicht? Am Ende stehst du da, hast auf deiner Ratsuche jede Menge kostbare Zeit mit ergebnislosen Gesprächen verbraten und bist keinen Funken schlauer. Letzten Endes entscheidest du aus dem Bauch heraus, was jetzt gut oder schlecht oder ganz schlecht ist.
Expertenmeinungen gibt es so viele, wie es Experten gibt, sagt man. Auch wenn du ja gerne auf Vielfalt setzt und gewöhnlicherweise das pluralistische Wesen der Phänomene zu schätzen weißt. Klar, wo kämen wir auch hin, wenn Meinungen gleichgeschaltet würden, Methoden standardisiert, Regeln normiert und Kalauer pointiert?! Nein, in einer individualisierten Welt wollen wir selbstverständlich alle nur eines: Vielfalt!
Na klar, keine Frage, allerdings genehmige ich mir, zwischen 10 Telefonaten, meinem heimlichen Wunschtraum Raum zu geben und die stille Frage in denselben stellen, ob es denn bitteschön nicht möglich sein könnte, ein Mal, ein einziges Mal nur, die vielfäligen, hochdifferenzierten, multiplen Handwerkermeinungen dieser pluralistischen Welt vielleicht mal eben durch den Fleischwolf zu drehen, um hinterher eine, und eben nur eine einzige, eine eindeutige, klare Antwort auf alle meine Fragen zu erhalten. - Ich werde diese sinnlose Frage aber schnell und leise in den Wind schlagen.
***
Neulich im Rathaus: Dieser sture Bock wollte einfach nicht glauben, dass ich mit meiner Expertise natürlich richtig liege. Jeder sagt was Anderes, meinte er, X behaupte das, Y das, und wenn er hier in diesem Buch von Z nachlese, dann stehe da wieder was Anderes drin. Nein, das stimmt so nicht, behauptete ich rigoros, denn ich wusste natürlich, dass ich den Sachveralt richtig darzustellen vermochte. Ist doch völlig klar; fragen Sie doch die Experten!
Du fragst zum Beispiel fünf Handwerker, um klare Richtlinien zu erhalten, wie die Dachdämmung am besten bewerkstelligt werden sollte, ob man einen Holzboden tatsächlich abscheifen oder doch nur ölen muss, ob jetzt Fermazell- oder vielleicht doch Rigips-Platten weniger gesundheitsbelastende Substanzen aufweisen... - und du wirst fünf unterschiedliche Antworten bekommen, und in Handwerker-Foren des Internets bekommst du nochmal 100 weitere Meinungen dazu. Wer kennt das nicht? Am Ende stehst du da, hast auf deiner Ratsuche jede Menge kostbare Zeit mit ergebnislosen Gesprächen verbraten und bist keinen Funken schlauer. Letzten Endes entscheidest du aus dem Bauch heraus, was jetzt gut oder schlecht oder ganz schlecht ist.
Expertenmeinungen gibt es so viele, wie es Experten gibt, sagt man. Auch wenn du ja gerne auf Vielfalt setzt und gewöhnlicherweise das pluralistische Wesen der Phänomene zu schätzen weißt. Klar, wo kämen wir auch hin, wenn Meinungen gleichgeschaltet würden, Methoden standardisiert, Regeln normiert und Kalauer pointiert?! Nein, in einer individualisierten Welt wollen wir selbstverständlich alle nur eines: Vielfalt!
Na klar, keine Frage, allerdings genehmige ich mir, zwischen 10 Telefonaten, meinem heimlichen Wunschtraum Raum zu geben und die stille Frage in denselben stellen, ob es denn bitteschön nicht möglich sein könnte, ein Mal, ein einziges Mal nur, die vielfäligen, hochdifferenzierten, multiplen Handwerkermeinungen dieser pluralistischen Welt vielleicht mal eben durch den Fleischwolf zu drehen, um hinterher eine, und eben nur eine einzige, eine eindeutige, klare Antwort auf alle meine Fragen zu erhalten. - Ich werde diese sinnlose Frage aber schnell und leise in den Wind schlagen.
***
Neulich im Rathaus: Dieser sture Bock wollte einfach nicht glauben, dass ich mit meiner Expertise natürlich richtig liege. Jeder sagt was Anderes, meinte er, X behaupte das, Y das, und wenn er hier in diesem Buch von Z nachlese, dann stehe da wieder was Anderes drin. Nein, das stimmt so nicht, behauptete ich rigoros, denn ich wusste natürlich, dass ich den Sachveralt richtig darzustellen vermochte. Ist doch völlig klar; fragen Sie doch die Experten!
Montag, 23. April 2007
Keine Sehnsucht
Ich habe keine Sehnsüchte mehr. Ich bin vollends dazu übergegangen, Dinge zu tun, statt mich nach ihnen zu sehnen. Ja, seit geraumer Zeit kann ich es sogar nicht mal mehr leiden, wenn man in der Sehnsucht nach Dingen schwelgt, statt entschlossen nach ihnen zu greifen und zielstrebige Schritte zu tun, um die Dinge zu erreichen. Ich neige zu dem Gedanken: Don´t dream it, be it. Das klingt gut, und vielleicht habe ich mich früher einmal, als ich noch mehr Romantiker war und weniger Pragmatiker als heute, still und heimlich danach gesehnt, diesen schönen pragmatischen Satz zu verinnerlichen.
Alles ist möglich, scheint mir, und was nicht möglich ist, danach soll man sich erst gar nicht sehnen, denn es wäre ein unnötiges Unterfangen, sich nach Unerreichbarem zu sehnen oder nach gegenwärtig noch nicht Erreichbarem. Vielleicht ist das genau der richtige Weg, und vielleicht ist es die beste Form, im Hier und Jetzt zu leben. Aber wer weiß, manchmal glaube ich, mir gingen mit den Sehnsüchten auch meine Träume verloren. Und geht nicht jedem entschlossenen Lebensweg und jedem Plan und jeder Entwicklung erst ein Traum voraus?
Dann denke ich mir manchmal, vielleicht wird es Zeit, mich wieder an das Sehnen zurück zu gewöhnen, an das Schwelgen in Visionen, an die Suche nach ungegangenen Pfaden. Oft fehlt mir die Zeit dazu. Und meistens fehlt mir das Fliegen dazu, denn ich bin doch sehr bodenständig geworden. Aber Träume und Sehnsüchte brauchen Flügel. Vielleicht sollte ich besser einige Stunden da draußen in der Sonne liegen oder eines dieser im Frühlingswind fliegenden Birkenblätter sein, um besser darüber nachdenken zu können.
Alles ist möglich, scheint mir, und was nicht möglich ist, danach soll man sich erst gar nicht sehnen, denn es wäre ein unnötiges Unterfangen, sich nach Unerreichbarem zu sehnen oder nach gegenwärtig noch nicht Erreichbarem. Vielleicht ist das genau der richtige Weg, und vielleicht ist es die beste Form, im Hier und Jetzt zu leben. Aber wer weiß, manchmal glaube ich, mir gingen mit den Sehnsüchten auch meine Träume verloren. Und geht nicht jedem entschlossenen Lebensweg und jedem Plan und jeder Entwicklung erst ein Traum voraus?
Dann denke ich mir manchmal, vielleicht wird es Zeit, mich wieder an das Sehnen zurück zu gewöhnen, an das Schwelgen in Visionen, an die Suche nach ungegangenen Pfaden. Oft fehlt mir die Zeit dazu. Und meistens fehlt mir das Fliegen dazu, denn ich bin doch sehr bodenständig geworden. Aber Träume und Sehnsüchte brauchen Flügel. Vielleicht sollte ich besser einige Stunden da draußen in der Sonne liegen oder eines dieser im Frühlingswind fliegenden Birkenblätter sein, um besser darüber nachdenken zu können.
Sonntag, 22. April 2007
Bewegst du dich doch?
„Ich, Galileo, Sohn des Vincenco Galilei aus Florenz, fast 70 Jahre alt, (...) knie vor Euch Eminenzen, die Ihr in der ganzen Christenheit die Inquisitoren gegen die ketzerische Verworfenheit seid. Ich habe vor mir die heiligen Evangelien, berühre sie mit der Hand und schwöre, dass ich immer geglaubt habe, auch jetzt glaube und mit Gottes Hilfe auch in Zukunft glauben werde, alles was die heilige katholische und apostolische Kirche für wahr hält, predigt und lehrt. (...) (Ich gebe zu, dass) ich die Meinung vertreten und geglaubt habe, dass die Sonne Mittelpunkt der Welt und unbeweglich ist, und dass die Erde nicht Mittelpunkt ist und sich bewegt. (...) Ich, Galileo Galilei, habe abgeschworen.“ Galileo Galilei hat abgeschworen. Ein gebrochener alter Mann. Die Erde hat sich munter weiter gedreht, während ihm die Götzen der dümmlichen Verklärung ihren großkotzigen Segen auf´s Auge drückten. Immerhin ging der Mann aus Firence dennoch als großer Wissenschaftler in die Annalen der mehr oder weniger aufgeklärten Menschheit ein. - Und? Darf sich die Erde heute in Ruhe weiterdrehen? Darf man heute ungestraft die Wahrheit sagen? Oder sitzen noch heute die irrwitzigsten Inquisitoren an allen Ecken und Enden der Macht, um dich zu knebeln, um dich zu ihren Lügen zu zwingen, auf deren Gerüsten sie ihre Welt einrichten wollen...
Ja, heute wie damals gibt es jede Menge Galileis, die genötigt werden sollen, von der Wahrheit abzuschwören. Heute wie damals zugunsten der politisch Mächtigen und zu Ehren ihrer dumpfen monetären Götzen und zum verzweifelten Selbstschutze ihres narzisstischen Kleinmuts. Im Alltagskleinen fängt es an, und im Weltgroßen endet es noch lange nicht.
Halte täglich und JETZT an deinen Wahrheiten fest! Bleibe der überzeugteste Zeuge deiner Überzeugungen! Sei dir treu! Was immer du tust.
Drehende Erde von Susanne Albers
Galilei-Zitat aus pm
Samstag, 14. April 2007
Schlafmanagement
Was arbeitet da eigentlich im Unterbewusstsein, wenn man nachts urplötzlich aus tiefem Schlaf erwacht, mit der siedend heißen Eingebung, einen kleinen Planungsfehler begangen zu haben, den man am nächsten Morgen besser mit einem kurzen Anruf beim Projektpartner aus dem Weg räumen sollte?
Montag, 9. April 2007
Kommunalpolitik
Rauschendes Mauscheln und Munkeln im Dunkeln, mich dünkt, da rufen versunkene Unken, und schlurfen die Stufen nach oben und toben da droben verschroben herum. Die sind ja nicht dumm, intrigieren und schmieren und schleimen und leimen zusammen, was gar nicht beisammen sein will. Was muss das für´n Stuss sein, wenn Unken drob munkeln, ich geh heim, nein, nicht auf Leim, nein, das macht mich müde, nicht munter, und drüber und drunter gehts hier schon zu lang und nicht um´s Aufbauschen und auch nicht ums Plauschen, nein, es geht hier um rauschendes Mauscheln und Munkeln im Dunkeln, mich dünkt, da rufen versunkene Unken, und schlurfen die Stufen nach oben und toben da droben verschroben herum. Die sind ja nicht dumm, intrigieren und schmieren und schleimen und leimen zusammen, was gar nicht beisammen sein will. Was muss das für´n Stuss sein, wenn Unken drob munkeln, ich geh heim, nein, nicht auf Leim, nein, das macht mich müde, nicht munter, und drüber und drunter gehts hier schon zu lang und nicht um´s Aufbauschen und auch nicht ums Plauschen, nein, es geht hier um rauschendes Mauscheln und Munkeln im Dunkeln, mich dünkt, da rufen versunkene Unken, und schlurfen die Stufen nach oben und toben da droben verschroben herum. Die sind ja nicht dumm, intrigieren und schmieren und schleimen und leimen zusammen, was gar nicht beisammen sein will. Was muss das für´n Stuss sein, wenn Unken drob munkeln, ich geh heim, nein, nicht auf Leim, nein, das macht mich müde, nicht munter, und drüber und drunter gehts hier schon zu lang und nicht um´s Aufbauschen und auch nicht ums Plauschen, nein, es geht hier um rauschendes Mauscheln und Munkeln und Punkt.
Freitag, 6. April 2007
Duft einer Wiese
Im täglichen Gehetze um berufliche Entwicklung, existentielle Sicherung, penetrante Medienpräsenz und Hyperkommunikation via world wide web vergisst man gerne das richtige, das bodenständige, das stoffliche Leben. Da klebst du im digitalen Spinnennetz und da strömt dir dein verräterischer Karriereentwurf durch die Synapsen, während draußen die geflügelten Zwitscherer leidenschaftliche Klangwerke zelebrieren und während die Lebenssäfte pur durch blühende Bäume rauschen. Das alles geht vorbei an dir, während du dich selbst an deinen Monitor knebelst wie andere an ihre Kerkereisen. Pass auf, dass du das wahre Sein nicht vergisst in deiner öden Schafferei. Die digitale Welt ist saftlos, kalt, eisig still. Man klebt in einem Nichts aus schwirrenden Drähten und will die Fantasie sich glauben machen, man sei in stürmischer Bewegung. Vergiss es. Geh raus. Lausch den wilden Zwitscherern und wirf dich selbst mal wieder in den Duft einer Wiese.
Donnerstag, 5. April 2007
Neuland #3 - Haderlings Heimkehr
Rückblick: Neuland #1 – Haderlings Irrfahrt
Rückblick: Neuland #2 – Haderlings Ohnmacht
Als Kapitän Haderling zu sich kam, lag er wieder in seiner stinkenden Kajüte. Unter seinen Beinen war die Matratze nass und kalt. Er rappelte sich auf und kroch an Bord. Er fand die Männer bei einer Feier. Das Land, das sattgrüne Land, aus dessen endlosen Bergwäldern die Luftmassen quollen wie das fruchtbare Versprechen einer unsagbaren Gewissheit, war nun ganz nahe gerückt. Die Neuland lag vor Anker. Haderling sah seinen ersten Steuermann Muth, wie er sich lachend mit einem fremden jungen Mädchen unterhielt. Sie hatte braune Haut und lächelte klug, verlegen und lockend. Auch Wager stand bei einem Mädchen an der Reiling und schien sichtlich von ihrem Zauber eingenommen, und schließlich erkannte der alte Kapitän, dass alle seine Männer mit süßen Schönheiten zu Gange waren, und der Ausdruck ihrer Seemannsgesichter erzählte von den Freuden des Ankommens. In Haderlings Kopf hämmerte es dumpf, und er versuchte, die unverständlichen Dinge zusammen zu fügen und sinnvolle Gedanken aus Wortfetzen zu formen: Nebel - Regenwald - Insel - Anker - Matrosen - sehnsüchtige Kindergesichter - neues Land - fremde Frauen... Nach und nach verstand Haderling, was hier während seiner Ohnmacht geschehen sein musste. Und diesmal war es kein stummer Schrei, der jetzt durch die duftig wehenden Lüfte drang, diesmal war es der heisere, dennoch durch alle Matrosenverzückungen dringende Befehl eines wie nie zuvor in seinem Leben alleine stehenden alten Kapitäns mit verpissten Hosen: Alle Mann ... antreten! Die zerschmetterte Stimme zerriss die alles umfassende Glückseligkeit auf der Bark. Und alle seine Männer, alle fremden Frauen schauten auf zu dem wahnsinnigen Gespenst, das sie aus ihrem selbstzufriedenen Sein herauszerren wollte wie feindliches Kanonenfeuer an einem wunderbaren Sommertag. Und aus den prallgefüllten Hosen der Männer wuchs durch ihre federleichten Lenden hindurch ein knappes Wort in ihre Köpfe hinein, das sie in ihrer früheren Hoffungslosigkeit niemals zu kennen wagten. Ein Wort, das in allen Sprachen der Welt die Ausgeburt menschlichen Eigenwillens war: Nein! schallte es Haderling aus missmutigen Gesichtern unhörbar leise entgegen, doch er vernahm das Wort dennoch laut wie einen Donnerschlag und wusste, seine Zeit war zu Ende.
Als die Männer ihn festbanden, wehrte er sich nicht. Als er tage- und nächtelang wie ein gefangenes Tier am Mast gefesselt war, schrie er nicht. Als man ihm Wasser geben wollte, damit er nicht krepiere, trank er nicht, und man musste ihm den Trunk mit Gewalt einflößen. Die Tage und Nächte, in denen er unbeweglich und schlaff ins Leben hineinhing, hatte keiner gezählt. Was Haderling sah, war der endlos blaue Himmel, was er roch, war die elende Würze des fremden Inselwaldes, was er dachte, war: Aufgeben! - Haderling war dort angekommen, wo er nicht hin wollte, und er wusste, dass er nicht mehr in der Lage war, noch irgendetwas an seinem Schicksal zu ändern. Plötzlich dachte er das Wort Ankommen, und verächtlich formte er die drei Silben mit seinen salzig aufgerissenen Fetzenlippen, als eine braunhäutige Schönheit vor ihm stand und ihm etwas zu essen reichen wollte. Was hast du daran auszusetzen, fragte sie ihn mit ruhiger, warmherziger Stimme. Was ist es, was dir am Ankommen nicht gefällt, alter Mann? sagte sie. Haderling war verwundert. Woher weißt du... wollte er in dieses frische Gesicht hinein fragen, aber er ließ es sein. Ankommen ist wie Aufgeben, antwortete er stattdessen. Wer ankommt, wer mit Haut und Haar ankommt, der gesteht sich ein, dass er seinen unerfüllten Sehnsüchten nicht mehr länger standhalten kann! schob er mühsam aus seinem ausgetrockneten Gaumen hervor, und endlich hatte er wieder seine klaren Gedanken gefunden. Du bist hart, antwortete ihm die Schöne, du bist zu hart gegen dich selbst, und du weißt es. Und du bist zu hart gegen deine Männer, und auch das weißt du. – Meine Männer werden hier bei euch verrecken, krächzte Haderling, ihre einstigen Träume werden sie euch vor die Füße kotzen, und sie werden es Liebe nennen und Heiraten und Familie gründen und Haus und Heimat... – Nein, Haderling, sie werden ankommen am Ziel ihrer Sehnsucht, entgegnete ihm die Frau ruhig, und sie werden fortan frei über ihr Glück entscheiden, sie brauchen dazu jetzt keinen Kapitän mehr! - Haderling schwieg sein allerletztes Schweigen.
Warum hast du dich so gegen deine Ankunft gewehrt, du armer alter Mann? fügte die Schöne nach einer Weile hinzu. Haderling verfluchte ihre Frage. Er verfluchte sie so lange, bis er zu lange damit zugebracht hatte, sie zu verfluchen, um es noch vermeiden zu können, über sie nachzudenken. Warum hatte er sich gegen die Ankunft gewehrt, schallte es ihm durch seinen eingetrockneten Schädel, und irgendwo am Ende des Tunnels seiner zermarterten Gehirnwindungen fand er wie die Lichtfetzen eines fernen Leuchtturms seine Antwort durch den Nebel vergrabener Wünsche hindurch sickern. Die Antwort war mehrstimmig, und ihre Facetten hießen erst Abenteuer, dann Entdeckungsdrang, dann Neugierde, dann Langeweile und schließlich Angst. Und Haderling wusste, er hatte Angst, sich niederzulassen, Angst, sich selbst und sein Leben zu verpassen, Angst, seine feurige Sehnsucht, die ihn stets am Leben zu halten schien, aufzugeben, Angst, seinen Drang nach Neuland zu verlieren, indem er dieses erreichte! Deshalb war er sein Leben lang unterwegs gewesen, und das war seine Mission, und die wollte er an seine Männer weitergeben, und wenn er noch irgendetwas im Leben weiterzugeben hätte, dann das! Dies alles schwang sich nun unhaltbar durch seine zerrütteten Denkkanäle, und als das Ende seiner inneren Worte gekommen war, fühlte er Leere, nur noch eine allerletzte Leere, und salzige Altmännertränen netzten seine Fetzenlippen.
Als die Männer ihn Tage später losbinden wollten, war ihr alter Kapitän bereits gestorben. Muth, der erste Steuermann, wollte das Seemannsbegräbnis. Wager, der zweite Steuermann, befürwortete die Verbrennung der Leiche, die bereits in den Verwesungszustand überging. Hungrig, der junge Matrose, legte das Feuer an den mit Öl überschütteten Leichnam und sah dem Alten das letzte Mal in sein lebloses Gesicht. Haderling schien zu lachen, wusste der Junge später zu berichten. Er lachte in seinem stinkenden Tod, als wäre er besessen, als wäre er im tiefen Wahnsinn aus dem Leben geschieden. So erzählte man sich. Und so erzählten es sich von nun an noch Generationen von Seefahrern, die das Gespenst Kapitän Haderlings in so manchen fürchterlichen Vollmondnächten an den Masten ihrer Schiffe gebunden vorfanden. Doch eine - eine wusste es besser! Es war eine jener Schönheiten einer fremden, vertrauten Nebelinsel, welche die Neuland einstmals ansteuerte. Und die Schönheit hieß Komm, und sie hatte dem sterbenden Kapitän einst etwas zu essen und eine Frage gereicht. Und viel später, als Haderling seine miefige alte Hülle schon längst verlassen hatte, da waren die beiden am Inselstrand entlang spaziert und ließen sich den würzigen Wind um ihre frischen, nackten Körper wehen wie die unverhüllte Antwort auf eine Frage, die jahrhundertelang nicht gestellt werden durfte. Und Haderling war angekommen.
Rückblick: Neuland #2 – Haderlings Ohnmacht
Als Kapitän Haderling zu sich kam, lag er wieder in seiner stinkenden Kajüte. Unter seinen Beinen war die Matratze nass und kalt. Er rappelte sich auf und kroch an Bord. Er fand die Männer bei einer Feier. Das Land, das sattgrüne Land, aus dessen endlosen Bergwäldern die Luftmassen quollen wie das fruchtbare Versprechen einer unsagbaren Gewissheit, war nun ganz nahe gerückt. Die Neuland lag vor Anker. Haderling sah seinen ersten Steuermann Muth, wie er sich lachend mit einem fremden jungen Mädchen unterhielt. Sie hatte braune Haut und lächelte klug, verlegen und lockend. Auch Wager stand bei einem Mädchen an der Reiling und schien sichtlich von ihrem Zauber eingenommen, und schließlich erkannte der alte Kapitän, dass alle seine Männer mit süßen Schönheiten zu Gange waren, und der Ausdruck ihrer Seemannsgesichter erzählte von den Freuden des Ankommens. In Haderlings Kopf hämmerte es dumpf, und er versuchte, die unverständlichen Dinge zusammen zu fügen und sinnvolle Gedanken aus Wortfetzen zu formen: Nebel - Regenwald - Insel - Anker - Matrosen - sehnsüchtige Kindergesichter - neues Land - fremde Frauen... Nach und nach verstand Haderling, was hier während seiner Ohnmacht geschehen sein musste. Und diesmal war es kein stummer Schrei, der jetzt durch die duftig wehenden Lüfte drang, diesmal war es der heisere, dennoch durch alle Matrosenverzückungen dringende Befehl eines wie nie zuvor in seinem Leben alleine stehenden alten Kapitäns mit verpissten Hosen: Alle Mann ... antreten! Die zerschmetterte Stimme zerriss die alles umfassende Glückseligkeit auf der Bark. Und alle seine Männer, alle fremden Frauen schauten auf zu dem wahnsinnigen Gespenst, das sie aus ihrem selbstzufriedenen Sein herauszerren wollte wie feindliches Kanonenfeuer an einem wunderbaren Sommertag. Und aus den prallgefüllten Hosen der Männer wuchs durch ihre federleichten Lenden hindurch ein knappes Wort in ihre Köpfe hinein, das sie in ihrer früheren Hoffungslosigkeit niemals zu kennen wagten. Ein Wort, das in allen Sprachen der Welt die Ausgeburt menschlichen Eigenwillens war: Nein! schallte es Haderling aus missmutigen Gesichtern unhörbar leise entgegen, doch er vernahm das Wort dennoch laut wie einen Donnerschlag und wusste, seine Zeit war zu Ende.
Als die Männer ihn festbanden, wehrte er sich nicht. Als er tage- und nächtelang wie ein gefangenes Tier am Mast gefesselt war, schrie er nicht. Als man ihm Wasser geben wollte, damit er nicht krepiere, trank er nicht, und man musste ihm den Trunk mit Gewalt einflößen. Die Tage und Nächte, in denen er unbeweglich und schlaff ins Leben hineinhing, hatte keiner gezählt. Was Haderling sah, war der endlos blaue Himmel, was er roch, war die elende Würze des fremden Inselwaldes, was er dachte, war: Aufgeben! - Haderling war dort angekommen, wo er nicht hin wollte, und er wusste, dass er nicht mehr in der Lage war, noch irgendetwas an seinem Schicksal zu ändern. Plötzlich dachte er das Wort Ankommen, und verächtlich formte er die drei Silben mit seinen salzig aufgerissenen Fetzenlippen, als eine braunhäutige Schönheit vor ihm stand und ihm etwas zu essen reichen wollte. Was hast du daran auszusetzen, fragte sie ihn mit ruhiger, warmherziger Stimme. Was ist es, was dir am Ankommen nicht gefällt, alter Mann? sagte sie. Haderling war verwundert. Woher weißt du... wollte er in dieses frische Gesicht hinein fragen, aber er ließ es sein. Ankommen ist wie Aufgeben, antwortete er stattdessen. Wer ankommt, wer mit Haut und Haar ankommt, der gesteht sich ein, dass er seinen unerfüllten Sehnsüchten nicht mehr länger standhalten kann! schob er mühsam aus seinem ausgetrockneten Gaumen hervor, und endlich hatte er wieder seine klaren Gedanken gefunden. Du bist hart, antwortete ihm die Schöne, du bist zu hart gegen dich selbst, und du weißt es. Und du bist zu hart gegen deine Männer, und auch das weißt du. – Meine Männer werden hier bei euch verrecken, krächzte Haderling, ihre einstigen Träume werden sie euch vor die Füße kotzen, und sie werden es Liebe nennen und Heiraten und Familie gründen und Haus und Heimat... – Nein, Haderling, sie werden ankommen am Ziel ihrer Sehnsucht, entgegnete ihm die Frau ruhig, und sie werden fortan frei über ihr Glück entscheiden, sie brauchen dazu jetzt keinen Kapitän mehr! - Haderling schwieg sein allerletztes Schweigen.
Warum hast du dich so gegen deine Ankunft gewehrt, du armer alter Mann? fügte die Schöne nach einer Weile hinzu. Haderling verfluchte ihre Frage. Er verfluchte sie so lange, bis er zu lange damit zugebracht hatte, sie zu verfluchen, um es noch vermeiden zu können, über sie nachzudenken. Warum hatte er sich gegen die Ankunft gewehrt, schallte es ihm durch seinen eingetrockneten Schädel, und irgendwo am Ende des Tunnels seiner zermarterten Gehirnwindungen fand er wie die Lichtfetzen eines fernen Leuchtturms seine Antwort durch den Nebel vergrabener Wünsche hindurch sickern. Die Antwort war mehrstimmig, und ihre Facetten hießen erst Abenteuer, dann Entdeckungsdrang, dann Neugierde, dann Langeweile und schließlich Angst. Und Haderling wusste, er hatte Angst, sich niederzulassen, Angst, sich selbst und sein Leben zu verpassen, Angst, seine feurige Sehnsucht, die ihn stets am Leben zu halten schien, aufzugeben, Angst, seinen Drang nach Neuland zu verlieren, indem er dieses erreichte! Deshalb war er sein Leben lang unterwegs gewesen, und das war seine Mission, und die wollte er an seine Männer weitergeben, und wenn er noch irgendetwas im Leben weiterzugeben hätte, dann das! Dies alles schwang sich nun unhaltbar durch seine zerrütteten Denkkanäle, und als das Ende seiner inneren Worte gekommen war, fühlte er Leere, nur noch eine allerletzte Leere, und salzige Altmännertränen netzten seine Fetzenlippen.
Als die Männer ihn Tage später losbinden wollten, war ihr alter Kapitän bereits gestorben. Muth, der erste Steuermann, wollte das Seemannsbegräbnis. Wager, der zweite Steuermann, befürwortete die Verbrennung der Leiche, die bereits in den Verwesungszustand überging. Hungrig, der junge Matrose, legte das Feuer an den mit Öl überschütteten Leichnam und sah dem Alten das letzte Mal in sein lebloses Gesicht. Haderling schien zu lachen, wusste der Junge später zu berichten. Er lachte in seinem stinkenden Tod, als wäre er besessen, als wäre er im tiefen Wahnsinn aus dem Leben geschieden. So erzählte man sich. Und so erzählten es sich von nun an noch Generationen von Seefahrern, die das Gespenst Kapitän Haderlings in so manchen fürchterlichen Vollmondnächten an den Masten ihrer Schiffe gebunden vorfanden. Doch eine - eine wusste es besser! Es war eine jener Schönheiten einer fremden, vertrauten Nebelinsel, welche die Neuland einstmals ansteuerte. Und die Schönheit hieß Komm, und sie hatte dem sterbenden Kapitän einst etwas zu essen und eine Frage gereicht. Und viel später, als Haderling seine miefige alte Hülle schon längst verlassen hatte, da waren die beiden am Inselstrand entlang spaziert und ließen sich den würzigen Wind um ihre frischen, nackten Körper wehen wie die unverhüllte Antwort auf eine Frage, die jahrhundertelang nicht gestellt werden durfte. Und Haderling war angekommen.
Labels: Wiederholung vom Oktober 2006
Mittwoch, 4. April 2007
Sargnagel (Notiz)
Du bist der Nagel zu meinem Sarg, sagte er, und sie erfüllte ihm zärtlich seinen letzten Wunsch.
Das vollkommen unscheinbare endgültige Ende der Menschheit
Als das Leben entstand, ahnte noch niemand, dass dies nur ein besonders skurriles Nebenprodukt im ewigen Entstehen und Vergehen der Materie war. Und später, als sich das Ahnen im Bewusstsein der Lebensformen regte, da gab es das Leben schon so lange, dass niemand mehr ernsthaft hinterfragen wollte, wozu. Es war einfach da, so wie eine kleine weiße Wolke da war oder das Wasser.
Das hätte auch alles so bequem bleiben können, aber es kam dann doch anders. Aus der Ursuppe waren Einzeller entstanden, und aus den Einzellern waren Zweizeller geworden, und aus den Zweizellern waren Zweibeiner gekrochen, die sich selbst Menschen nannten. Denn die Menschen wollten für alle Dinge, die es gab, Namen erfinden, und oft erfanden sie erst die Dinge und dann deren Namen. Auch sich selbst mussten sie benennen, als sie nun mal da waren, und vielleicht hatten sie sich auch selbst erst erfunden, das wusste später keiner mehr so genau. Jedenfalls setzte diese Species der ohnehin bodenlosen Skurrilität der Schöpfung die Krone auf. Die mit Bewusstsein ausgestattete Lebensform ahnte das auch, aber dennoch hatte niemand eine genaue Vorstellung, wie schwerwiegend skurril das alles noch werden sollte.
Der Mensch war Teil der Schöpfung, und Schöpfer war er selbst. Er war das Wesen, das stets Neues erschuf und erschaffen wollte, ja erschaffen musste. Es war wie eine hominide Paranoia: dieses Wesen war zur steten Kreation verurteilt. So entstanden Sesshaftigkeit und Ackerbau, Wissenschaft und Religion, Technologien, Weblogs, Einbauküchen, und alles andere auch. Die menschgemachte Welt schwappte tsunamigleich über die Natur der Schöpfung.
Als sich der Mensch schließlich aufgrund einiger Fehlkalkulationen seiner Fortpflanzungstätigkeit zur Menschenmasse entwickelt hatte, sah er sich eines Tages durch das vielfache Potenzieren seiner gestalterischen Fähigkeiten mit einem ganz speziellen, neuen Phänomen konfrontiert, das er sich in seinen allerkühnsten Erfinderträumen so niemals hätte ausdenken hätte.
Denn er war ganz plötzlich – von heute auf morgen - am Ende seines Menschseins angelangt, als er feststellen musste, dass auf einmal alles geschaffen war, was geschaffen werden konnte, und dass es von nun an prinzipiell nur noch Plagiate geben konnte, nur noch Wiederholungen, keine neuen Dinge, keine Originale mehr. Es gab einfach nichts mehr zu kreieren, und das erwies sich als vollkommen tödlich für eine Species, deren Sein sich durch Schaffensdrang definierte.
Mit irgendeinem letzten kreativen Gedanken war das Maß einfach voll. Aus. Schluss. Vorbei. Und das wirklich Allerletzte, was der Mensch dann noch Neues erkennen konnte, war das Problem der endgültigen Beendigung alles Neuen. Danach wurde es still. Es wurde sehr, sehr still um den Menschen. Und alles, was er gewesen war, wurde plötzlich ein Nichts. Die Menschheit löste sich auf.
Niemand hätte gedacht, dass der Mensch, dieses mit Schöpferwillen und innovativen Fähigkeiten ausgestattete Wesen auf diese leise, unscheinbare Weise verkümmern und für immer von der Bühne der Evolution abtreten würde. Hätte doch nur einer – nur einer von ihnen! – noch eine nagelneue, nie da gewesene, auf einmal in den Sinn gekommene, klitzekleine Idee gehabt. Dann wäre vielleicht alles anders gekommen.
Das hätte auch alles so bequem bleiben können, aber es kam dann doch anders. Aus der Ursuppe waren Einzeller entstanden, und aus den Einzellern waren Zweizeller geworden, und aus den Zweizellern waren Zweibeiner gekrochen, die sich selbst Menschen nannten. Denn die Menschen wollten für alle Dinge, die es gab, Namen erfinden, und oft erfanden sie erst die Dinge und dann deren Namen. Auch sich selbst mussten sie benennen, als sie nun mal da waren, und vielleicht hatten sie sich auch selbst erst erfunden, das wusste später keiner mehr so genau. Jedenfalls setzte diese Species der ohnehin bodenlosen Skurrilität der Schöpfung die Krone auf. Die mit Bewusstsein ausgestattete Lebensform ahnte das auch, aber dennoch hatte niemand eine genaue Vorstellung, wie schwerwiegend skurril das alles noch werden sollte.
Der Mensch war Teil der Schöpfung, und Schöpfer war er selbst. Er war das Wesen, das stets Neues erschuf und erschaffen wollte, ja erschaffen musste. Es war wie eine hominide Paranoia: dieses Wesen war zur steten Kreation verurteilt. So entstanden Sesshaftigkeit und Ackerbau, Wissenschaft und Religion, Technologien, Weblogs, Einbauküchen, und alles andere auch. Die menschgemachte Welt schwappte tsunamigleich über die Natur der Schöpfung.
Als sich der Mensch schließlich aufgrund einiger Fehlkalkulationen seiner Fortpflanzungstätigkeit zur Menschenmasse entwickelt hatte, sah er sich eines Tages durch das vielfache Potenzieren seiner gestalterischen Fähigkeiten mit einem ganz speziellen, neuen Phänomen konfrontiert, das er sich in seinen allerkühnsten Erfinderträumen so niemals hätte ausdenken hätte.
Denn er war ganz plötzlich – von heute auf morgen - am Ende seines Menschseins angelangt, als er feststellen musste, dass auf einmal alles geschaffen war, was geschaffen werden konnte, und dass es von nun an prinzipiell nur noch Plagiate geben konnte, nur noch Wiederholungen, keine neuen Dinge, keine Originale mehr. Es gab einfach nichts mehr zu kreieren, und das erwies sich als vollkommen tödlich für eine Species, deren Sein sich durch Schaffensdrang definierte.
Mit irgendeinem letzten kreativen Gedanken war das Maß einfach voll. Aus. Schluss. Vorbei. Und das wirklich Allerletzte, was der Mensch dann noch Neues erkennen konnte, war das Problem der endgültigen Beendigung alles Neuen. Danach wurde es still. Es wurde sehr, sehr still um den Menschen. Und alles, was er gewesen war, wurde plötzlich ein Nichts. Die Menschheit löste sich auf.
Niemand hätte gedacht, dass der Mensch, dieses mit Schöpferwillen und innovativen Fähigkeiten ausgestattete Wesen auf diese leise, unscheinbare Weise verkümmern und für immer von der Bühne der Evolution abtreten würde. Hätte doch nur einer – nur einer von ihnen! – noch eine nagelneue, nie da gewesene, auf einmal in den Sinn gekommene, klitzekleine Idee gehabt. Dann wäre vielleicht alles anders gekommen.
Sonntag, 1. April 2007
Wilhelm Reich
„Ich habe ... Anschauungen verteidigt, vor denen mich mein inneres Gefühl warnte, denen ich aber nichts Besseres entgegen-
zusetzen hatte. ... Immer wieder passierte es, daß ich einen mir fremden Weg ging, bis mein inneres Widerstreben allzu stark mahnte und ich abbrach. ... Jede Beschäftigung mit einer Sache fraß mich ganz. Das gab viel Leiden, doch ich möchte es nicht missen. Es war meine größte Stärke.“
Wilhelm Reich, geboren am 24. März 1897, gestorben am 03. November 1957
Ich halte gar nichts von Götzenverehrungen und kenne nur sehr, sehr wenige Menschen, die in meinem Leben so etwas wie Helden geworden sind. Einer gehört auf jeden Fall dazu. Ein großer Naturforscher und Mediziner, ein großer Geist und Mensch, der immer und gegen alle Widerstände seinem ureigenen Weg treu geblieben ist und genau damit sein Schaffen weit nach vorne bringen konnte. Er ist einer derjenigen, der in der Erinnerung weiterlebt, während viele andere seiner einstigen Kollegen längst vergessen sind, und er ist einer derjenigen, dem die wirklich große Bedeutung seiner Arbeit vermutlich erst in der Zukunft beschieden sein wird. - In Gedenken an Wilhelm Reich nachträglich zum 110. Geburtstag.
Samstag, 31. März 2007
Die Axt auf dem Sofa
Als sie am Morgen aufstand, lief sie in die Küche, setzte Wasser auf, und der Rest folgte wie das Programm ihrer Spülmaschine. Frühstück, Aufbruch, die Familie verteilte sich, sie räumte den Tisch ab. In einer Ecke der Anrichte lagen Leitzordner mit Versicherungs- und Bankunterlagen, von der anderen Seite blickte sie ein Papierstapel an - Einladung zum Elternabend, Kindergartenfest, Besuch bei den Eltern in zwei Wochen - und in der Mitte standen die lachenden Fotos. Was zu tun war, hatte etwas Zeit. Sie setzte sich noch für einen Augenblick ins Wohnzimmer, fröhliche Möbel empfingen sie, ein lichtdurchfluteter Raum, sympathische Wände, IKEA sorgte dafür, dass man hier schon lebte.
Als sie etwas länger sitzen blieb als gedacht, überkam sie plötzlich eine kleine Unsicherheit, wie ein flaues Gefühl im Magen. Es war, als hätte sie etwas vergessen, das sich in diesem Moment bei ihr zurückmelden wollte. Irgendetwas, das einmal wichtig war und dann im Strom der Tage und Wochen und Jahre versiegte. Ein leises Rufen war es, eine Frage, aber sie konnte sich nicht erinnern, welche Antwort dazu passen würde. Sie hatte nicht nur die Sprache vergessen, mit der es da in ihr anklopfte, es schien so, als hätte sie den Sinn vergessen, das Gehör für diesen unhörbaren Laut. Halt mal, dachte sie. Sie wäre soeben aufgesprungen, um sich den Staubsauer zu schnappen, aber sie wurde zurückgesetzt. Ein unaussprechlicher Gedanke kam in ihr auf, und ein undenkbares Gefühl verbreitete sich wie merkwürdiger Duft im Volumen ihrer Disziplin, die sich nach Tagesgeschäft sehnte.
Es war der Geruch einer anderen Zeit. Mag sein, dass er was mit Blüten, Frühling und Süden zu tun hatte oder vielleicht auch mit Motoröl; sie wusste es nicht. Sie stand auf, drehte sich zum Fenster, in dem sie einen blitzblanken Garten liegen sah und hinter ihm die strahlende Hauswand der Nachbarschaft, und gleich darauf drehte sie sich wieder in die eigenen vier Wände hinein, ohne sie zu erkennen, und sie nahm wahr, wie ihr zaghaftes Zögern von dem neuen Schrei eingenommen wurde, der in ihr aufgekommen war wie heftiger Wind, der durch Gardinen weht. Was sie tat, geschah nicht im Bewusstsein eines Tuns, und was sie dabei fühlte, ging spurlos an ihr vorüber. Später nahm sie ihren Mantel und das Geld aus dem Wohnzimmerschrank mit dem nordischen Namen und lief aus der Tür.
Als der diensthabende Beamte läutete, bat man ihn herein. Man bot ihm ein Glas an und setzte sich auf die verbliebenen Wohnzimmermöbel. Es wurden Fragen gestellt, die beantwortet wurden. Kinder weinten, und man schickte sie für eine Weile zum Spielen. Nein, er habe keine Ahnung, was da geschehen sei, nein, es habe keinen Streit und kein Gespräch gegeben, nein, er wüsste natürlich nicht, wo sie jetzt sei, deshalb habe er ja mit der Kripo gesprochen, nein, ihm seien keine Motive für eine Entführung oder ein Gewaltverbrechen geläufig, er sei einfach vollends überrascht, ja, er sei geschockt über das, was da wohl geschehen sein musste, ja, natürlich sei er am nächsten Tag telefonisch erreichbar. Als der Beamte das Haus verließ, war auch die Spurensicherung fertig mit ihrer Datenaufnahme. Am nächsten Morgen würde die Putzhilfe kommen und Ordnung schaffen können. Zusammen mit einigen Plastiktüten und Papieren nahmen die Experten nun auch die Axt vom Sofa und verabschiedeten sich. Das Haus wurde still, und die Nacht hatte Einzug gehalten. Ein unmerklicher Windstoß wehte in den Vorhang und verebbte.
Als sie etwas länger sitzen blieb als gedacht, überkam sie plötzlich eine kleine Unsicherheit, wie ein flaues Gefühl im Magen. Es war, als hätte sie etwas vergessen, das sich in diesem Moment bei ihr zurückmelden wollte. Irgendetwas, das einmal wichtig war und dann im Strom der Tage und Wochen und Jahre versiegte. Ein leises Rufen war es, eine Frage, aber sie konnte sich nicht erinnern, welche Antwort dazu passen würde. Sie hatte nicht nur die Sprache vergessen, mit der es da in ihr anklopfte, es schien so, als hätte sie den Sinn vergessen, das Gehör für diesen unhörbaren Laut. Halt mal, dachte sie. Sie wäre soeben aufgesprungen, um sich den Staubsauer zu schnappen, aber sie wurde zurückgesetzt. Ein unaussprechlicher Gedanke kam in ihr auf, und ein undenkbares Gefühl verbreitete sich wie merkwürdiger Duft im Volumen ihrer Disziplin, die sich nach Tagesgeschäft sehnte.
Es war der Geruch einer anderen Zeit. Mag sein, dass er was mit Blüten, Frühling und Süden zu tun hatte oder vielleicht auch mit Motoröl; sie wusste es nicht. Sie stand auf, drehte sich zum Fenster, in dem sie einen blitzblanken Garten liegen sah und hinter ihm die strahlende Hauswand der Nachbarschaft, und gleich darauf drehte sie sich wieder in die eigenen vier Wände hinein, ohne sie zu erkennen, und sie nahm wahr, wie ihr zaghaftes Zögern von dem neuen Schrei eingenommen wurde, der in ihr aufgekommen war wie heftiger Wind, der durch Gardinen weht. Was sie tat, geschah nicht im Bewusstsein eines Tuns, und was sie dabei fühlte, ging spurlos an ihr vorüber. Später nahm sie ihren Mantel und das Geld aus dem Wohnzimmerschrank mit dem nordischen Namen und lief aus der Tür.
Als der diensthabende Beamte läutete, bat man ihn herein. Man bot ihm ein Glas an und setzte sich auf die verbliebenen Wohnzimmermöbel. Es wurden Fragen gestellt, die beantwortet wurden. Kinder weinten, und man schickte sie für eine Weile zum Spielen. Nein, er habe keine Ahnung, was da geschehen sei, nein, es habe keinen Streit und kein Gespräch gegeben, nein, er wüsste natürlich nicht, wo sie jetzt sei, deshalb habe er ja mit der Kripo gesprochen, nein, ihm seien keine Motive für eine Entführung oder ein Gewaltverbrechen geläufig, er sei einfach vollends überrascht, ja, er sei geschockt über das, was da wohl geschehen sein musste, ja, natürlich sei er am nächsten Tag telefonisch erreichbar. Als der Beamte das Haus verließ, war auch die Spurensicherung fertig mit ihrer Datenaufnahme. Am nächsten Morgen würde die Putzhilfe kommen und Ordnung schaffen können. Zusammen mit einigen Plastiktüten und Papieren nahmen die Experten nun auch die Axt vom Sofa und verabschiedeten sich. Das Haus wurde still, und die Nacht hatte Einzug gehalten. Ein unmerklicher Windstoß wehte in den Vorhang und verebbte.
Freitag, 30. März 2007
Erkenne dich selbst
Jetzt ist es klar: Wo ich mich bislang als Dippelschisser outete, bin ich eigentlich Ästhet.
Dienstag, 27. März 2007
Impression vor Hamburg
Schwarze Autobahnnacht. Kurz vorm Ankommen wölbt sich gelbes Licht in den Nachthimmel empor: die weithin sichtbare Aura einer Stadt, die kosmische Gesetze durch künstliche Leuchtstoffe ad absurdum führt. Dazu die Klänge von Terje Ripdal, der so spielt, wie Jimi Hendrix heute vielleicht spielen würde, wenn ihm auch noch der affengeilste Rock zu langweilig geworden wäre. Meine beiden Mitfahrer wunschgemäß abgesetzt: ein Theologiestudent, der auf der Suche nach spirituellem Erlebnis nur seinen religiösen Texten huldigt, und ein junger Physiker, dem beim Studieren keine Zeit mehr für Naturphänomene bleibt. Meine Müdigkeit vertrieben vom Prickeln der bevorstehenden Ankunft. Ins luminierende Gelb eingetaucht, ein Teil davon geworden. Fahre runter von der Stadtautobahn, entschleunige, bremse, parke, Zeit ist wieder Raum, wohlbehalten angekommen - Danke!
Donnerstag, 22. März 2007
Montag, 19. März 2007
Eiskalt erwischt
Es war Oktober in den frühen Neunzigern. Ich war zu Besuch in Moskau, und auf dem abendlichen Heimweg mit M. begegnete ich einem Obdachlosen, der in einem riesigen Haufen aus Müllsäcken steckte und sich kaum noch rührte. Natürlich wollte ich ihn fragen, ob ich ihm helfen könne. Dazu musste ich erst mal wissen, wie das doch gleich wieder auf Russisch heißt, aber M., die in Moskau Kunstgeschichte studierte, wusste Bescheid und soufflierte mir.
Kann ich Ihnen helfen, fragte ich also sehr ernst in den Haufen Müllsäcke hinein. Der Obdachlose schien sofort aus seiner jämmerlichen Lage aufzuwachen. Aufstehen konnte er wohl nicht, aber mit wachen Augen, ja mit geradezu herausforderndem Blick stellte er mir die Gegenfrage direkt ins Gesicht: Kak? - Wie?
Er hatte mich eiskalt erwischt. Denn ich wusste in der Tat nicht, wie ich ihm hätte helfen können. Er und ich, wir schauten uns noch eine kurze Weile an, genau so lange, bis ich verstanden hatte, dass er und ich in zwei unterschiedlichen Welten lebten - wenn es auch exakt die gleiche war. Aber eine Sphäre dieser Welt war wohlhabend und führte zu einem warmen Zimmer für die Nacht, und eine andere Sphäre endete in einem Haufen Müllsäcke. Ja, vielleicht hätte ich ihm helfen können - ich weiß nicht, wie, aber vielleicht eben doch, wenn ich´s denn getan hätte. Aber ich tat es nicht und löste mich aus seinem Blick und er sich aus meinem. M. und ich gingen weiter.
Das ist 15 Jahre her. Vielleicht würde ich ihm heute wenigstens auf die Beine helfen. Oder auch nicht. Wer weiß, ob er das überhaupt wollte? Möglicherweise überlege ich mir jetzt genauer, ob ich wirklich helfen kann und will, bevor ich jemandem meine Hilfe anbiete.
Kann ich Ihnen helfen, fragte ich also sehr ernst in den Haufen Müllsäcke hinein. Der Obdachlose schien sofort aus seiner jämmerlichen Lage aufzuwachen. Aufstehen konnte er wohl nicht, aber mit wachen Augen, ja mit geradezu herausforderndem Blick stellte er mir die Gegenfrage direkt ins Gesicht: Kak? - Wie?
Er hatte mich eiskalt erwischt. Denn ich wusste in der Tat nicht, wie ich ihm hätte helfen können. Er und ich, wir schauten uns noch eine kurze Weile an, genau so lange, bis ich verstanden hatte, dass er und ich in zwei unterschiedlichen Welten lebten - wenn es auch exakt die gleiche war. Aber eine Sphäre dieser Welt war wohlhabend und führte zu einem warmen Zimmer für die Nacht, und eine andere Sphäre endete in einem Haufen Müllsäcke. Ja, vielleicht hätte ich ihm helfen können - ich weiß nicht, wie, aber vielleicht eben doch, wenn ich´s denn getan hätte. Aber ich tat es nicht und löste mich aus seinem Blick und er sich aus meinem. M. und ich gingen weiter.
Das ist 15 Jahre her. Vielleicht würde ich ihm heute wenigstens auf die Beine helfen. Oder auch nicht. Wer weiß, ob er das überhaupt wollte? Möglicherweise überlege ich mir jetzt genauer, ob ich wirklich helfen kann und will, bevor ich jemandem meine Hilfe anbiete.
Sonntag, 18. März 2007
Der lustige Zigeuner
Aus einer Zeit, als man noch nicht wusste, dass sie Sinti und Roma heißen, stammt das Gemälde mit dem fröhlich lachenden, schwarzhaarigen, braunhäutigen, weißzähnigen Zigeuner. Sein Kopf und seine Schultern schälen sich aus tiefschwarzer Dunkelheit hervor, sein gelbliches Hemd hat viele kleine Löcher, und seine zärtlichen Hände spielen Geige. Es ist eines dieser Bilder, die Tanz und Musik abbilden können, und man steht davor und glaubt, die gefühlvoll-lustig-traurige Melodie des Streichinstruments zu hören. Der Zigeuner selbst ist in Lebensgröße zu sehen, jedenfalls fast, oder er ist ein kleiner Mann, unter 1,60. Dabei selbstbewusst und lebensweise und schön: ein schöner, schwarzhaariger, feurig-lebenslustiger Zigeuner!
Sie hat ihn sich zur Hochzeit gewünscht. Sie hat ihn sich von ihrer Schwiegermutter schenken lassen. Ausgerechnet sie, die Frau mit ihren verhaltenen Emotionen, und dann dieser feurige Kerl. Damals war er einige Jahre älter als sie, heute hat sie ihn um 50 Jahre überholt. Er selbst blieb unverändert und strahlt noch immer die gleiche Lust aus wie damals. Er hängt über ihrem Bett, schlecht platziert, der Bilderrahmen sollte besser mit den Möbeln abschließen, sie hat wenig Stil für so etwas. Oder ist es der Geiger, der sich nicht in Muster fügen möchte.
Sie muss einmal etwas in sich gespürt haben, für diesen feurigen Musiker muss Resonanz in ihr gewesen sein. Jung und voller Leben muss sie gewesen sein. Sie muss ihn sich ausgesucht haben, weil sie sich ein Sein voller Lust und Fröhlichkeit wünschte. Was wurde daraus. Wo hat sich das heiße Blut, die tänzerische Leidenschaft in den Jahrzehnten verirrt? Man spürt nichts mehr davon. Das alles muss in Enttäuschungen ertrunken sein, und dann im Altwerden oder im frühzeitigen Altsein vielleicht.
Was fühlt sie, wenn sie den schwarzen Zigeuner heute über ihrem Bett hängen weiß, was erzählt er ihr? Wohin nimmt er sie mit, wenn sie mit ihm träumt? Wird sie in ihrem Leben noch einmal etwas machen, das nicht aus Zurückhaltung, sondern aus Verrücktem geboren wird? Oder wird sie sterben, so wie sie geworden ist: leise, unsicher, angstvoll, leidenschaftslos. Wird sie sich dann ihrem Zigeuner an die zärtliche, männliche Schulter lehnen und sagen, er möge sie in die schwarze Finsternis einfügen, die eins mit seinen langen Haaren ist, und er möge ihr ein Lied spielen, ein letztes, eine von diesen gefühlvoll-lustig-traurigen Sehnsuchtsmelodien. Wird sie in seinen Armen vergehen und das Glück und das Kribbeln noch einmal fühlen, das sie fühlte, als sie sich damals, vor einer Ewigkeit, die gestern war, in ihn verliebte, in das Bild dessen, das sie leben wollte und nie fand.
Sie hat ihn sich zur Hochzeit gewünscht. Sie hat ihn sich von ihrer Schwiegermutter schenken lassen. Ausgerechnet sie, die Frau mit ihren verhaltenen Emotionen, und dann dieser feurige Kerl. Damals war er einige Jahre älter als sie, heute hat sie ihn um 50 Jahre überholt. Er selbst blieb unverändert und strahlt noch immer die gleiche Lust aus wie damals. Er hängt über ihrem Bett, schlecht platziert, der Bilderrahmen sollte besser mit den Möbeln abschließen, sie hat wenig Stil für so etwas. Oder ist es der Geiger, der sich nicht in Muster fügen möchte.
Sie muss einmal etwas in sich gespürt haben, für diesen feurigen Musiker muss Resonanz in ihr gewesen sein. Jung und voller Leben muss sie gewesen sein. Sie muss ihn sich ausgesucht haben, weil sie sich ein Sein voller Lust und Fröhlichkeit wünschte. Was wurde daraus. Wo hat sich das heiße Blut, die tänzerische Leidenschaft in den Jahrzehnten verirrt? Man spürt nichts mehr davon. Das alles muss in Enttäuschungen ertrunken sein, und dann im Altwerden oder im frühzeitigen Altsein vielleicht.
Was fühlt sie, wenn sie den schwarzen Zigeuner heute über ihrem Bett hängen weiß, was erzählt er ihr? Wohin nimmt er sie mit, wenn sie mit ihm träumt? Wird sie in ihrem Leben noch einmal etwas machen, das nicht aus Zurückhaltung, sondern aus Verrücktem geboren wird? Oder wird sie sterben, so wie sie geworden ist: leise, unsicher, angstvoll, leidenschaftslos. Wird sie sich dann ihrem Zigeuner an die zärtliche, männliche Schulter lehnen und sagen, er möge sie in die schwarze Finsternis einfügen, die eins mit seinen langen Haaren ist, und er möge ihr ein Lied spielen, ein letztes, eine von diesen gefühlvoll-lustig-traurigen Sehnsuchtsmelodien. Wird sie in seinen Armen vergehen und das Glück und das Kribbeln noch einmal fühlen, das sie fühlte, als sie sich damals, vor einer Ewigkeit, die gestern war, in ihn verliebte, in das Bild dessen, das sie leben wollte und nie fand.

