Neuland #1 - Haderlings Irrfahrt
Die Bark machte ordentlich Fahrt! Die Sonne lachte gutmütig, der Himmel war blau wie die Ewigkeit, und dieser Wind! - der Wind wehte frisch und so zielstrebig, als wäre das Tor zur Erfüllung aller Wünsche nun endgültig aufgestoßen, und es gäbe kein Halten mehr. Die Männer verrichteten ihren Dienst an Deck und waren guter Dinge. Die See lag zu ihren Füßen, weit wie ihre Träume. Muth, der erste Steuermann, hatte die Ferne im Visier und schaute jung und verwegen über das edelhölzerne Steuerrad hinweg. Wager, der zweite Steuermann hatte das Fernglas im Anschlag und schaute wissend und selbstzufrieden ins Nichts. Still stand Kapitän Haderling an der Rah, und es schien ihm, als sei er neben dieser Brut himmelblauer Zuversicht, die ihn umgab, der letzte zweifelnde Geist an Bord der Neuland.
Haderling wusste, dass die Bark ihren trügerischen Kurs nicht mehr lange halten durfte! Er war, obwohl bis zum Kapitän aufgestiegen, was meist nur den lauten und machtgierigen Kerlen gelang, ein introvertierter, stiller und intuitiver Mann, und er ließ sich nicht von dem verräterischen Glücksgefühl mitreißen, das seine Männer jetzt wie die Gischt überkam. Haderling hatte die wenigen Karten, die ihm zur Verfügung standen, genau betrachtet und in der Nacht die Sterne studiert. Er hatte die Böen, die Wellen und die Schwärme der Fische analysiert, und er hatte einen Vogelschwarm beobachtet, der gestern hoch über dem Meer vorüberzog. Haderling ahnte, ohne es zu wissen, dass der verführerische Wind, der sie seit drei Tagen aus der wochenlangen Flaute stieß, nur so erschien, als sei er der Weg ins heiß ersehnte neue Land, das sie finden mussten. Es war ein trügerischer Wind, der seine wilden Versprechungen durch die zeitvergessenen Tagträume der Männer säuselte und dabei nach frischem Verderben roch. Der Kapitän kannte ganz genau die Gefahr eines plötzlich allzu leichtgängigen Kurses, der tausend Männer in euphorischen Fehlglauben versetzen und in massenhaften Taumel stürzen konnte!
Doch Haderling wusste auch, dass er auf Widerstand stoßen würde, wenn er seiner Mannschaft den Kurswechsel ankündigen musste. Da war der junge, tatkräftige Muth, der in den letzten Wochen der Flaute beinah geplatzt wäre, weil er nicht wusste, wohin mit seiner verzweifelten Kraft. Und da war der kleine, streberische Wager, den das wochenlange Nichts schier verrückt gemacht hatte, weil sein dürftiger Verstand keine Anhaltspunkte mehr fand. Und da waren die raunzenden, stinkenden und spuckenden Männer, die er am Kap der Hoffnungslosigkeit aufgesammelt hatte, wo er ihnen Abenteuer, Weiber und Reichtum versprach. Haderling war klar, dass ihn eine gierige, hungrige Meute umgab, der nichts mehr widerstreben musste, als sein plötzlicher Befehl, die Segel an Fockmast, Großmast und Besanmast zu hissen, den Kurs zu wechseln und langsam und beschwerlich gegen den vielversprechenden Wind zu kreuzen und vielleicht sogar wieder der Flaute anheim zu fallen.
Nein, und es würde ihn wirklich nicht einmal wundern, wenn diese Brut der Zuversicht gegen ihn wetterte und aufbegehrte, denn - wie hätte er es den Männern auch erklären sollen? Er ahnte das Verderben, in das sie dieser vorlaute Wind geradewegs führte, aber wie hätte er in Dreikalfatermannsnamen diese nebulöse Ahnung, die er selbst wieder einmal nicht in Worte fassen konnte, den Männern plausibel machen können! Der Befehl zum Rückdrehen musste unter den schlafwandlerisch abenteuergeilen Seeleuten, die sich jetzt der Erfüllung ihrer heimlichsten Träume zum Greifen nah fühlten, zur bedrohlichen Zerreißprobe seiner Macht werden. Und er wusste auch, er musste seinen schrecklich unerwarteten Befehl schon bald, sehr bald geben!
Kapitän Haderling! hörte er es hinter sich rufen und schüttelte sich die schweren Gedanken aus der Stirn. Es war die Stimme seines ersten Steuermannes Muth. Der Kapitän drehte sich ihm langsam entgegen und signalisierte mit einer Handbewegung seine Aufmerksamkeit. Schauen Sie sich das mal an, Käpt´n, rief Muth und sein sehniger Arm deutete am Rahsegel der Neuland vorbei in die Ferne. Haderling kniff seine Augen zusammen, um das, was sich dort am Horzont schemenhaft auftat, zu erkennen. Von Erkennen konnte er eigentlich nicht sprechen, denn was er sah, war ihm neu, und doch schien es ihm wie ein Wiedererkennen, als begegnete er einem längst gesehenen Traum oder - einer Ahnung, die sich lange schon in seiner Wahrnehmung niedergelassen hatte, ohne dass er sie wirklich wahrnehmen konnte. Plötzlich breitete sich ein schreiender Gedanke in seinem düsteren Geist aus wie ein aufgeschreckter Möwenschwarm: Er hatte mit seinem Kommando zu lange gezögert!
***
Haderling wusste, dass die Bark ihren trügerischen Kurs nicht mehr lange halten durfte! Er war, obwohl bis zum Kapitän aufgestiegen, was meist nur den lauten und machtgierigen Kerlen gelang, ein introvertierter, stiller und intuitiver Mann, und er ließ sich nicht von dem verräterischen Glücksgefühl mitreißen, das seine Männer jetzt wie die Gischt überkam. Haderling hatte die wenigen Karten, die ihm zur Verfügung standen, genau betrachtet und in der Nacht die Sterne studiert. Er hatte die Böen, die Wellen und die Schwärme der Fische analysiert, und er hatte einen Vogelschwarm beobachtet, der gestern hoch über dem Meer vorüberzog. Haderling ahnte, ohne es zu wissen, dass der verführerische Wind, der sie seit drei Tagen aus der wochenlangen Flaute stieß, nur so erschien, als sei er der Weg ins heiß ersehnte neue Land, das sie finden mussten. Es war ein trügerischer Wind, der seine wilden Versprechungen durch die zeitvergessenen Tagträume der Männer säuselte und dabei nach frischem Verderben roch. Der Kapitän kannte ganz genau die Gefahr eines plötzlich allzu leichtgängigen Kurses, der tausend Männer in euphorischen Fehlglauben versetzen und in massenhaften Taumel stürzen konnte!
Doch Haderling wusste auch, dass er auf Widerstand stoßen würde, wenn er seiner Mannschaft den Kurswechsel ankündigen musste. Da war der junge, tatkräftige Muth, der in den letzten Wochen der Flaute beinah geplatzt wäre, weil er nicht wusste, wohin mit seiner verzweifelten Kraft. Und da war der kleine, streberische Wager, den das wochenlange Nichts schier verrückt gemacht hatte, weil sein dürftiger Verstand keine Anhaltspunkte mehr fand. Und da waren die raunzenden, stinkenden und spuckenden Männer, die er am Kap der Hoffnungslosigkeit aufgesammelt hatte, wo er ihnen Abenteuer, Weiber und Reichtum versprach. Haderling war klar, dass ihn eine gierige, hungrige Meute umgab, der nichts mehr widerstreben musste, als sein plötzlicher Befehl, die Segel an Fockmast, Großmast und Besanmast zu hissen, den Kurs zu wechseln und langsam und beschwerlich gegen den vielversprechenden Wind zu kreuzen und vielleicht sogar wieder der Flaute anheim zu fallen.
Nein, und es würde ihn wirklich nicht einmal wundern, wenn diese Brut der Zuversicht gegen ihn wetterte und aufbegehrte, denn - wie hätte er es den Männern auch erklären sollen? Er ahnte das Verderben, in das sie dieser vorlaute Wind geradewegs führte, aber wie hätte er in Dreikalfatermannsnamen diese nebulöse Ahnung, die er selbst wieder einmal nicht in Worte fassen konnte, den Männern plausibel machen können! Der Befehl zum Rückdrehen musste unter den schlafwandlerisch abenteuergeilen Seeleuten, die sich jetzt der Erfüllung ihrer heimlichsten Träume zum Greifen nah fühlten, zur bedrohlichen Zerreißprobe seiner Macht werden. Und er wusste auch, er musste seinen schrecklich unerwarteten Befehl schon bald, sehr bald geben!
Kapitän Haderling! hörte er es hinter sich rufen und schüttelte sich die schweren Gedanken aus der Stirn. Es war die Stimme seines ersten Steuermannes Muth. Der Kapitän drehte sich ihm langsam entgegen und signalisierte mit einer Handbewegung seine Aufmerksamkeit. Schauen Sie sich das mal an, Käpt´n, rief Muth und sein sehniger Arm deutete am Rahsegel der Neuland vorbei in die Ferne. Haderling kniff seine Augen zusammen, um das, was sich dort am Horzont schemenhaft auftat, zu erkennen. Von Erkennen konnte er eigentlich nicht sprechen, denn was er sah, war ihm neu, und doch schien es ihm wie ein Wiedererkennen, als begegnete er einem längst gesehenen Traum oder - einer Ahnung, die sich lange schon in seiner Wahrnehmung niedergelassen hatte, ohne dass er sie wirklich wahrnehmen konnte. Plötzlich breitete sich ein schreiender Gedanke in seinem düsteren Geist aus wie ein aufgeschreckter Möwenschwarm: Er hatte mit seinem Kommando zu lange gezögert!
***
5 Comments:
Schon sehr mythisch. Ich habe da Wikinger auf dem Weg nach Amerika vor Augen...
Manchmal ist sich einfach treiben lassen nicht die schlechteste aller Richtungen ! Dann sollte man es aber mit Überzeugung machen.
Wikinger habe ich dabei nicht vor Augen, mehr die Zeit der europäischen Entdeckungen. Aber das ist eigentlich auch egal. Denn die story soll eher ein Sinnbild sein. Ich habe schemenhaft im Kopf, welches Sinnbild gemeint ist, und bin gespannt, wie meine Geschichte weiter geht.
Einer der raunzenden, stinkenden und spuckenden Männer, die er am Kap der Hoffnungslosigkeit aufgesammelt hatte, hätte ich sein können.
... oder besser gesagt: ich wäre gerne einer von ihnen gewesen.
Männer, die ihre Chance genutzt haben, vom Kap der Hoffnungslosigkeit auf die sieben Meere der Sehnsucht zu fahren - es gibt nichts gegen sie einzuwenden!
Kommentar veröffentlichen
<< Home