25 Oktober 2006

Neuland #2 - Haderlings Ohnmacht

Rückblick: Neuland #1 - Haderlings Irrfahrt

Warum in Dreikalfatermannsnamen schreibt eine alte Landratte wie ich immer wieder vom Meer! Die größte Fahrt, die ich hinter mich brachte, war die Entdeckung des Seewegs von Brindisi nach Athen, und die Nordsee erlebte ich meistens von ihren Deichen, von ein paar Inseln und vom Watt aus betrachtet. Die ein oder andere Fähre nach Helgoland oder zu einer Hallig schäumte in meiner Fantasie zur siebenweltmeerischen Überfahrt auf, und es fehlte nicht viel, da hätte ich dick aufgeblähte Segel gesehen, wo doch nur rußiger Dieselqualm in den Himmel stob. Ich gebe zu: Das Meer macht mich, einen durchaus bodenständigen Kerl, zu einem Mann, der den Grund unter den Füßen verliert und in fernwehen Träumen verschwelgt. Vielleicht war eine meiner früheren Seelenhäuser das Herz eines Seemanns? Oder das Meer ist meine Metapher für unentdeckte Weiten und für allerlei unerfüllte Sehnsüchte! Und ich gebe bereitwillig zu, dieses Sehnen soll unentdeckt bleiben, denn wäre ich tatsächlich Matrose und schaffte im alltäglichen Takt der Dieselmotoren und im Trott der Bordhierarchien - ich wäre vermutlich der Erste, der von den höchsten Bergen träumte! Seltsame Sache, die mit den Träumen; manch ein Traum will unerfüllt bleiben, um nicht zu zerplatzen. Doch ich muss jetzt aufhören mit diesen Gedanken, soeben kommt Kapitän Haderling wieder aus seiner Kajüte, und ich - ich bin dazu da, seine Geschichte und jene der Neuland weiter zu erzählen, und so ganz nebenbei in den Tiefen meiner Zellen das Leben auf dem Meer zu erspüren, das nicht ich, sondern die Figuren, die ich schaffe, erleben. Doch bald wird auch meine Figuren ihr unausweichliches Schicksal ereilen, und sie werden zu Spielbällen, irgendwo zwischen den Stürmen der Sehnsucht und der Flaute ihrer Erfüllung. Erlebe es, Leser, wenn du willst, und komme mit, aber nur dann, wenn du dich nicht langweilst, auf diese seltsame Irrfahrt der Neuland.

Was Haderling vor 24 Stunden gesehen hatte, als sein erster Steuermann Muth ihn mit lauter Stimme und einem in die Ferne ausgestreckten Arm aus seinen schweren Gedanken rüttelte, das war nichts weiter als ein Nebel, der sich winzig wie ein Tautropfen in der Weite anzusammeln schien. Dennoch war es wie eine neue Welt, welche die Männer aus dem Einerlei des Meeres riss. Der Nebel konnte nur eines bedeuten: Land. Und niemand wusste, welches Land dort in der Ungewissheit lag, noch weit weg, vielleicht mehrere Tage Fahrt noch entfernt. Nur einer wusste etwas, was er aber nicht wirklich wusste, nur unwirklich ahnte: Haderling, der alte Kapitän, und er wusste gleichermaßen, ohne es zu wissen, dass er eine Entscheidung treffen musste, welche - in diese oder in jene Richtung gefällt - die Grundfeste seines Lebens und der Leben seiner Männer erschüttern würde: die Entscheidung über den Kurs der Neuland, der sie alle hinführen oder wegreißen würde von diesem diffusen Land der Sehnsucht in der Ferne. Dann hatte er sich in seine Kajüte zurückgezogen. Muth übernahm für 24 Stunden das Kommando, und Wager, der zweite Steuermann hatte die Aufgabe, den Kapitän in regelmäßigen Abständen über die Lage an Bord und über das Näherkommen des Nebulösen zu informieren. Was Wager bei seinen Besuchen in der dunklen, stinkenden Kapitänskajüte vorfand, das war wenig ermutigend. Keine Karten, über die der Navigator brütete, sondern ins Leere starrende, aus grenzenlosem Zweifel gähnende Augen, und unter den beiden Steuermännern wurde düster und verschwiegen von dem wirren Geisteszustand ihres alternden Käpt´ns gemunkelt.

Nach einer Ewigkeit erschien jetzt wortlos ein blasser Geist auf den Planken der Bark, argwöhnisch und verunsichert beobachtet von den Seemännern. Und als Haderling in die Ferne spähte, um jenen seltsamen Nebel zu erkennen, wurde der gespenstische Schatten seiner selbst noch bleicher. Wieder hatte sich der Kapitän unverzeihlich in Zeit und Raum verschätzt, wie er ärgerlich feststellen musste, denn die winzige Wolke, die 24 Stunden zuvor noch mühsam am Horizont zu erkennen war, türmte sich nun bereits weithin auf wie der Dunst eines ganzen Bergregenwaldes. Und man erkannte schon das Grün dieses fremden Stücks Land. Haderling rief Muth und Wager zu sich und forderte in strengem Ton Aufklärung darüber, weshalb man ihn nicht ausreichend informiert hatte. Sie waren so tief in Gedanken versunken, rechtfertigte Wager. Sie schienen die Ruhe dringend zu benötigen, Kapitän, berichtete Muth.

Haderling schaute ins Leere, und da fand er wie zufällig den in die Ferne, zum Nebel gerichteten Blick eines jungen Matrosen, der an der Reiling stand, und dieser Blick ließ dem Kapitän endgültig das Blut in den Adern gefrieren. Er erinnerte sich dunkel an den Namen des Kerls: Er hieß Hungrig, und man hatte ihn damals, am Kap der Hoffnungslosigkeit, aus der Gosse aufgelesen wie alle anderen Matrosen der Neuland. Mit verzücktem Gesicht stand der Junge da und spähte zu diesem Etwas hinüber, das näher und näher kam. Haderling lenkte seine Augen weiter über die Gesichter der anderen Seeleute, und er fand überall diesen gleichen merkwürdigen Schimmer. Ihr Antlitz wirkte verändert, geschliffen wie Spiegel, und ihr Ausdruck verriet eines: Schreckliche Sehnsucht. Es waren nun Kindergesichter, die in dem unerhörten Moment zwischen Wunsch und Erfüllung erstarrten. Jede Einzelne dieser Matrosenseelen - die in hundert endlosen Stürmen und in triefendem Salzwasser gesottenen, die in Abschied und Verzweiflung und Wiederkehr und dennoch niemaliger Ankunft getränkten, die tausendmal verlorenen und vergessenen Nirgendwoseelen -, jede Einzelne schien nun etwas Sonderbares zu spüren, das wie Ende und Anfang schmeckte und bittersüß wie die schreckliche Verwirklichung all ihrer längst überwunden geglaubten Träume. Was Haderling sah, war der stille Schrei einer Masse, die nicht mehr kontrollierbar war, und der Schrei schwieg schrill und monoton wie 1 Stimme alleine, wie ein zur Massenformel gewordenes Wort: Komm, hieß das Wort, und Komm näher! Ich komme! - Schwindel überkam Haderling, und es wurde ihm Nacht.

© mkh
"Neuland #3 - Haderlings Heimkehr" ist schon im Kasten und folgt.

2 Comments:

Markus Quint schrieb...

Hungrig. Genialer Name. Ich kannte mal einen, der hieß Hunger, aber Hungrig ist noch besser.

18:37  
mkh schrieb...

Nomen est omen - das ist das Schöne an der Sprache: Man kann so schön mit spielen!

19:43  

Kommentar veröffentlichen

<< Home