Samstag, 31. März 2007

Die Axt auf dem Sofa

Als sie am Morgen aufstand, lief sie in die Küche, setzte Wasser auf, und der Rest folgte wie das Programm ihrer Spülmaschine. Frühstück, Aufbruch, die Familie verteilte sich, sie räumte den Tisch ab. In einer Ecke der Anrichte lagen Leitzordner mit Versicherungs- und Bankunterlagen, von der anderen Seite blickte sie ein Papierstapel an - Einladung zum Elternabend, Kindergartenfest, Besuch bei den Eltern in zwei Wochen - und in der Mitte standen die lachenden Fotos. Was zu tun war, hatte etwas Zeit. Sie setzte sich noch für einen Augenblick ins Wohnzimmer, fröhliche Möbel empfingen sie, ein lichtdurchfluteter Raum, sympathische Wände, IKEA sorgte dafür, dass man hier schon lebte.

Als sie etwas länger sitzen blieb als gedacht, überkam sie plötzlich eine kleine Unsicherheit, wie ein flaues Gefühl im Magen. Es war, als hätte sie etwas vergessen, das sich in diesem Moment bei ihr zurückmelden wollte. Irgendetwas, das einmal wichtig war und dann im Strom der Tage und Wochen und Jahre versiegte. Ein leises Rufen war es, eine Frage, aber sie konnte sich nicht erinnern, welche Antwort dazu passen würde. Sie hatte nicht nur die Sprache vergessen, mit der es da in ihr anklopfte, es schien so, als hätte sie den Sinn vergessen, das Gehör für diesen unhörbaren Laut. Halt mal, dachte sie. Sie wäre soeben aufgesprungen, um sich den Staubsauer zu schnappen, aber sie wurde zurückgesetzt. Ein unaussprechlicher Gedanke kam in ihr auf, und ein undenkbares Gefühl verbreitete sich wie merkwürdiger Duft im Volumen ihrer Disziplin, die sich nach Tagesgeschäft sehnte.

Es war der Geruch einer anderen Zeit. Mag sein, dass er was mit Blüten, Frühling und Süden zu tun hatte oder vielleicht auch mit Motoröl; sie wusste es nicht. Sie stand auf, drehte sich zum Fenster, in dem sie einen blitzblanken Garten liegen sah und hinter ihm die strahlende Hauswand der Nachbarschaft, und gleich darauf drehte sie sich wieder in die eigenen vier Wände hinein, ohne sie zu erkennen, und sie nahm wahr, wie ihr zaghaftes Zögern von dem neuen Schrei eingenommen wurde, der in ihr aufgekommen war wie heftiger Wind, der durch Gardinen weht. Was sie tat, geschah nicht im Bewusstsein eines Tuns, und was sie dabei fühlte, ging spurlos an ihr vorüber. Später nahm sie ihren Mantel und das Geld aus dem Wohnzimmerschrank mit dem nordischen Namen und lief aus der Tür.

Als der diensthabende Beamte läutete, bat man ihn herein. Man bot ihm ein Glas an und setzte sich auf die verbliebenen Wohnzimmermöbel. Es wurden Fragen gestellt, die beantwortet wurden. Kinder weinten, und man schickte sie für eine Weile zum Spielen. Nein, er habe keine Ahnung, was da geschehen sei, nein, es habe keinen Streit und kein Gespräch gegeben, nein, er wüsste natürlich nicht, wo sie jetzt sei, deshalb habe er ja mit der Kripo gesprochen, nein, ihm seien keine Motive für eine Entführung oder ein Gewaltverbrechen geläufig, er sei einfach vollends überrascht, ja, er sei geschockt über das, was da wohl geschehen sein musste, ja, natürlich sei er am nächsten Tag telefonisch erreichbar. Als der Beamte das Haus verließ, war auch die Spurensicherung fertig mit ihrer Datenaufnahme. Am nächsten Morgen würde die Putzhilfe kommen und Ordnung schaffen können. Zusammen mit einigen Plastiktüten und Papieren nahmen die Experten nun auch die Axt vom Sofa und verabschiedeten sich. Das Haus wurde still, und die Nacht hatte Einzug gehalten. Ein unmerklicher Windstoß wehte in den Vorhang und verebbte.

10 Comments:

Frollein Müller-EL. schrieb...

Was hat die Leiterin eines erfolgreichen kleinen Familienunternehmens denn da nur angestellt? Ihr Schicksal inmitten von Ikea *Herpesschub* - da würde mich allerdings goa nix wundern; meine neurologisch-psychiatrische Symptomatik näme in dem Fall auch ihren unweigerlichen Verlauf..

31. März 2007 15:28  
mkh schrieb...

Für solche Fälle am besten immer eine Axt in der Handtasche mitführen.. Natürlich nur für Einrichtungsgegenstände und Lebenslügen.

31. März 2007 15:33  
der Nachbar schrieb...

Aha, sollte man jetzt deine Lebensgefährtin nicht besser warnen? Seid lieb und vertragt euch wieder! ;-)

31. März 2007 15:53  
mkh schrieb...

Wieso denn SIE warnen???

Let´s get serious, ladies and gentleman, life is life and stories are stories: Es besteht keinerlei Grund zur Sorge! Wir vertragen uns. ;-D

31. März 2007 19:50  
mkh schrieb...

Hm, vielleicht sollte man alle fiktiven stories von jenen Geschichten, die aus dem Leben gegriffen sind, per Label unterscheiden...

Aber vielleicht überlässt man auch einfach weiter alles der Fantasie seiner werten Leserschaft!

31. März 2007 20:00  
Markus Quint schrieb...

Die Axt im Haus ersetzt den skandinavischen Innenausstattungshorror.

31. März 2007 21:42  
der Nachbar schrieb...

Da bin ich ja beruhigt...;-)

31. März 2007 22:53  
mkh schrieb...

Küchenbeile statt Küchenträume.

31. März 2007 23:44  
der Nachbar schrieb...

na ja, nicht so ganz beruhigt...;-)

1. April 2007 10:13  
mkh schrieb...

@Nachbar

...vermutlich bist du umso weniger beruhigt, wenn ich dir im Vertrauen erzähle, dass ich gerade schwer mit der FAKTUM Einbauküche mit ÄDEL Front in Birke sympathisiere...

Aber glücklicherweise wollte meine story nicht unmittelbar von nordischen Küchenträumen handeln, stattdessen von geplatzten Lebensträumen, die lange in uns verborgen schlummern und zuweilen plötzliche Disaster auslösen können.

DIE wiederum müssen aber nicht notwendigerweise mit dem Einbau skandinavischer Küchen einhergehen.

Man kann allerdings drauf achten, dass man keine Lebensglücksurogate a lá "Lebst du schon?" mittels Küchenträumen zu erwerben trachtet. Dann erübrigt sich später auch die Axt.

Vielleicht.

1. April 2007 11:55  

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