Eiskalt erwischt
Es war Oktober in den frühen Neunzigern. Ich war zu Besuch in Moskau, und auf dem abendlichen Heimweg mit M. begegnete ich einem Obdachlosen, der in einem riesigen Haufen aus Müllsäcken steckte und sich kaum noch rührte. Natürlich wollte ich ihn fragen, ob ich ihm helfen könne. Dazu musste ich erst mal wissen, wie das doch gleich wieder auf Russisch heißt, aber M., die in Moskau Kunstgeschichte studierte, wusste Bescheid und soufflierte mir.
Kann ich Ihnen helfen, fragte ich also sehr ernst in den Haufen Müllsäcke hinein. Der Obdachlose schien sofort aus seiner jämmerlichen Lage aufzuwachen. Aufstehen konnte er wohl nicht, aber mit wachen Augen, ja mit geradezu herausforderndem Blick stellte er mir die Gegenfrage direkt ins Gesicht: Kak? - Wie?
Er hatte mich eiskalt erwischt. Denn ich wusste in der Tat nicht, wie ich ihm hätte helfen können. Er und ich, wir schauten uns noch eine kurze Weile an, genau so lange, bis ich verstanden hatte, dass er und ich in zwei unterschiedlichen Welten lebten - wenn es auch exakt die gleiche war. Aber eine Sphäre dieser Welt war wohlhabend und führte zu einem warmen Zimmer für die Nacht, und eine andere Sphäre endete in einem Haufen Müllsäcke. Ja, vielleicht hätte ich ihm helfen können - ich weiß nicht, wie, aber vielleicht eben doch, wenn ich´s denn getan hätte. Aber ich tat es nicht und löste mich aus seinem Blick und er sich aus meinem. M. und ich gingen weiter.
Das ist 15 Jahre her. Vielleicht würde ich ihm heute wenigstens auf die Beine helfen. Oder auch nicht. Wer weiß, ob er das überhaupt wollte? Möglicherweise überlege ich mir jetzt genauer, ob ich wirklich helfen kann und will, bevor ich jemandem meine Hilfe anbiete.
Kann ich Ihnen helfen, fragte ich also sehr ernst in den Haufen Müllsäcke hinein. Der Obdachlose schien sofort aus seiner jämmerlichen Lage aufzuwachen. Aufstehen konnte er wohl nicht, aber mit wachen Augen, ja mit geradezu herausforderndem Blick stellte er mir die Gegenfrage direkt ins Gesicht: Kak? - Wie?
Er hatte mich eiskalt erwischt. Denn ich wusste in der Tat nicht, wie ich ihm hätte helfen können. Er und ich, wir schauten uns noch eine kurze Weile an, genau so lange, bis ich verstanden hatte, dass er und ich in zwei unterschiedlichen Welten lebten - wenn es auch exakt die gleiche war. Aber eine Sphäre dieser Welt war wohlhabend und führte zu einem warmen Zimmer für die Nacht, und eine andere Sphäre endete in einem Haufen Müllsäcke. Ja, vielleicht hätte ich ihm helfen können - ich weiß nicht, wie, aber vielleicht eben doch, wenn ich´s denn getan hätte. Aber ich tat es nicht und löste mich aus seinem Blick und er sich aus meinem. M. und ich gingen weiter.
Das ist 15 Jahre her. Vielleicht würde ich ihm heute wenigstens auf die Beine helfen. Oder auch nicht. Wer weiß, ob er das überhaupt wollte? Möglicherweise überlege ich mir jetzt genauer, ob ich wirklich helfen kann und will, bevor ich jemandem meine Hilfe anbiete.
12 Comments:
Sorry, Andie, dein Kommentar ist wegen einiger technischer Defekte leider rausgefallen.
Du hast recht, wenn es ein richtiger oder akuter Notfall gewesen wäre, hätte ich schon geholfen. Nur - wo beginnt eigentlich die "Not", gegen die man hilft?
Wir leben zwar in unterschiedlichen Welten, aber diese merkwürdige Vertrautheit, die wir andern gegenüber immer wieder empfinden, hat möglicherweise ihren Grund darin, dass er ich war und ich er, irgendwann. Oder aber das er und ich ein unserem Bewusstsein verschlossenes und verborgenes Spiel spielen. Angesichts der Unendlichkeit und ihrer deswegen auch unendlichen Möglichkeiten würde ich dies nicht von vornherein negieren.
Ein schönes kluges Wort, dem ich völlig beipflichte. Woher die Empathie auch immer kommen mag: Spiegelneurone oder Seelenverwandtschaft oder Wiedergeburt...
Wie auch immer, manche liegen im Dreck, andere schreiben in ihrem Weblog darüber.
Ich denke, er wollte dich nicht herausfordern. Er war nur überrascht, dass er angesprochen und tatsächlich einmal wahrgenommen wurde, statt, wie sonst üblich, im günstigsten Fall übersehen und im schlimmsten Fall, wie es leider immer wieder vorkommt, totgeprügelt.
Moskau ist ein hartes Pflaster. Und es ist kein Trost, dass dort die zahlreichen Superreichen ebenso leicht eines unnatürlichen Todes sterben wie die Superarmen.
@falcon
Der herausfordernde Blick schien mir zu sagen: "Ja, bitte? Und WIE willst DU mir denn helfen? Zahlst du meine Miete? Hast du ein Zimmer für mich? Oder was? Und wenn nicht, geh weiter..." - Aber die Interpretation mag mich auch täuschen.
@markus
Ein Trost für einige Superarme nach der Perestroika mag jener gewesen sein, dass sich Geschäftsmöglichkeiten auftaten, schnell superreich zu werden. Aber wenn man am Ende auch zwischen den Müllsäcken liegt, tot oder lebendig, bringts ja doch nicht so viel.
willkommen zurück ;-)
jener obdachlose lebt heute in düsseldorf; ich sah ihn gestern und werde dazu etwas schreiben. (gute idee von mir, ich schreibe quasi eine fortsetzung zu einem beitrag eines anderen bloggers..)
ach ja, *hüstl*, herr mkh... der link in ihrer blogroll stimmt nicht mehr, er zeigt auf meinen asbach-blog.
Jaja, hüstel, da war aufgrund einer technischen Panne wieder dein alter Blog reingerutscht, und ich war zu faul und so, aber jetzt!!!
Jener Obdachlose hat es bestimmt in seinem Leben nicht weiter geschafft als zum Moskauer Flughafen Международный аэропорт Шереметьево, aber ich bin trotzdem gespannt auf deine Fortsetzung!
Ich denke, man kann fast immer helfen, es muß ja nicht gleich ein Zimmer sein. Zwischen Müllsäcken wärmt auch Vodka und der Stolz ist meist vor langer Zeit gegangen.
Die Frage hat ihn wohl überrascht, manchmal ist Schweigen besser.
@Opa Edi
Hm, mit ner Flasche Wodka hätte ich ihm vermutlich nicht ausgeholfen. Auch wenn es für ihn vielleicht erst mal das größte Geschenk gewesen wäre...
Warum nicht?
Weil es die kurzfristigste aller Lösungsversuche wäre? Weil es bloß die Selbstzerstörung unterstützt? Weil ich (zumindest wenns kalt ist) nicht verantworten will, wenn er besoffen erfrieren würde? Weil ich selbst kein Freund vom Saufen bin? ...
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