Donnerstag, 22. März 2007

Sprachgefühl

Ist die
DEUTSCHE SPRACHE
eigentlich
sexy?

10 Comments:

der Nachbar schrieb...

Schöne, auch provokante Frage - die ich mir noch nicht gestellt habe! Meine Assoziationen sind augenblicklich äußerst trauriger Natur. Die deutsche Sprache riecht für mich (ganz subjektive Empfindung!) nach Verwesung - unter der glänzend geleckten Oberfläche. Eine Sprache, die dem Volk der Henker gehört und als solche sehe ich uns Deutsche nachwievor. Sie würde vielleicht weniger nach Verwesung riechen, würde man in unserer Sprache etwas öfter Worte wie Verzeihung, Mitleid, Wärme, Schuld und Lächeln hören, würde man sich seiner großen Schuld an der Tötung, Vergasung, Folterung von Millionen Menschen täglich bewusst sein und die Erinnerung daran nicht relativieren und würde man endlich den noch überall existierenden faschistoiden Sumpf mitten in unseren Städten austrocknen. Noch immer werden mitten in unserer Gesellschaft Menschen vergast, mit Worten. Vielleicht fänden dann auch endlich die gequälten Seelen Ruhe, deren Qual andauert, solange es so wenig Leute tangiert, was in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft geschieht. Würden allerdings alle Deutschen lispeln, wär das alles anders... ;-)

22. März 2007 12:46  
mkh schrieb...

Aber was kann die Sprache für den Sumpf?!?

22. März 2007 12:58  
der Nachbar schrieb...

Auch eine gute Frage! Brutalität im Denken und in der Sprache führt zu Brutalitäten im Handeln. :-)

22. März 2007 21:17  
Markus Quint schrieb...

Is the english language actually gemütlich?

22. März 2007 21:55  
Andie Kanne schrieb...

Folks, the german language is sexy, ganz ohne Zweifel. Man kann so herrlich derb fluchen und schimpfen.

Richtig intoniert erklingen die Worte wie "Ausweiss-Kontrolle", "Sackratte" oder einfach nur "Sau" ungemein erregend.

Highlights wie "Blitzkrieg", "überhaupt" und "sowieso" habe auch in andere Sprachen wegen ihrer Ausstrahlung Einzug gefunden.

Die Szene in "Fisch namens Wanda", bei der die beizuschlafende Schöne mit russischen Phrasen ins Willenlose gelabert wird, wäre auch mit deutschen Phrasen sehr gut denkbar.

Mit südöstlichen Sprachen oder arabischen Dialekten könnte ich mir dies beispielsweise keineswegs vorstellen.

22. März 2007 22:37  
der Nachbar schrieb...

englisch klingt nach eingeschlafenen Füßen und arabisch klingt nach Keuchhusten

22. März 2007 22:45  
German Psycho schrieb...

Für mich klingt die deutsche Sprache vor allem: Heimisch. Sie kann auf verschiedene Weisen artikuliert werden, kalt und arrogant, wie wir das in Hamburg tun, warm und gebildet, wie es in Wien der Fall ist, primitiv und gemütlich, wie sie in Bayern klingt, und freundlich-mild in Sachsen oder Thüringen.

Sexy klingt sie für mich eher nicht (außer in Wien), da fällt mir (natürlich) erstmal französisch ein. Aber sie klingt genau, sie ist in der Lage, den Zuhörer zu entlasten, weil der Sprechende sich die Arbeit machen muß, den Kontext sauber zu erschließen.

Gegenbeispiel: Südostasiatische Sprachen,bspw. Thai. Da hat der Zuhörer die Arbeit, weil der Sprecher keine Grammatik zur Verfügung hat, um das auszudrücken, was er sagen möchte. Der Zuhörer muß aus dem Kontext auf den exakten Sinn schließen.

Mir gefällt diese Höflichkeit an unserer Sprache. Die Höflichkeit, wenn man schon einen Zuhörer hat, diesem dann die Möglichkeit zu geben, ausschließlich auf den Inhalt zu achten und sich nicht mit dem Entschlüsseln des grammatischen Zusammenhanges belasten zu müssen.

Außerdem liebe ich die Komposita.

Eine Assoziation mit dem faschistischen System ist meines Erachtens viel zu kurz gedacht. Das wertet diese Zeit auch zu stark auf. Denn die Sprache existierte ja auch schon hunderte von Jahren vor dem Gefreiten aus Braunau.

Die vom Nachbarn angesprochenen Worte wie „Mitleid, Wärme Verzeihung, Schuld und Lächeln“ fehlen ja nicht in der Sprache. Sie mögen im Sprachgebrauch der ihn umgebenden Menschen fehlen, aber nicht der Sprache an sich.

23. März 2007 11:06  
eon schrieb...

Jawoll!!!!! Deutsch IST SEXY!!!

23. März 2007 15:44  
Falcon schrieb...

Puh, langes Nachdenken, um dann doch zu einer banalen Antwort zu kommen:
Nein, ich empfinde die deutsche Sprache nicht als sexy. Sie ist für zweckmäßig genug, um mich darin auszudrücken (und das gelingt mir in deutsch bei allen Defiziten immer noch besser als in jeder anderen Sprache), sie ist nuancenreich genug, um das Gesagte hinreichend differenzieren zu können und beschreibend genug, um auch komplizierte Sachverhalte darstellen zu können.
Aber sexy?
Andererseits, was muss eine Sprache können, um sexy zu sein?
Nun kenne ich einfach nicht genug verschiedene Sprachen, um das ausreichend beurteilen zu können, aber ich habe das Gefühl, dass Sprache nie sexy ist. Weder die deutsche, noch irgendeine andere.
Mancher Sprecher/Schreiber mag ihr vielleicht einen sexy Charakter geben, aber das liegt dann in der Natur des Sprechers/Schreibers und nicht in der der Sprache.

26. März 2007 10:08  
mkh schrieb...

Eine Sprache ist ja weit mehr als nur ein Transportmittel der Kommunikation. Sie vermittelt Lebensgefühle.

Aus irgendeinem Grund sind in vielen Kreisen Anglizismen "sexier" geworden, wirken vielleicht oft leichter, lebenslustiger, unangepasster, wilder, exotischer, erotischer...?

Aber wenn jeder "cool, hip und sexy" sagt oder "briefing und brainstorming", dann sind Anglizismen längst der konservative mainstream - und deutsche Worte pulsieren umso exotischer aus ihrer vergessenen Nische.

Ich werde es immer faszinierend finden, wie man mit der deutschen Sprache spielen kann: Sie formt sich wissenschaftlich, demagogisch, poetisch, sarkastisch, belehrend, fröhlich und erotisch, gerade so, wie man sie und wer sie einsetzt. Sie hat alles, was man braucht.

Und natürlich ist die deutsche Sprache sexy! Oder auch nicht. Kommt drauf an.

27. März 2007 10:48  

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