Neuland #3 - Haderlings Heimkehr
Rückblick: Neuland #1 – Haderlings Irrfahrt
Rückblick: Neuland #2 – Haderlings Ohnmacht
Als Kapitän Haderling zu sich kam, lag er wieder in seiner stinkenden Kajüte. Unter seinen Beinen war die Matratze nass und kalt. Er rappelte sich auf und kroch an Bord. Er fand die Männer bei einer Feier. Das Land, das sattgrüne Land, aus dessen endlosen Bergwäldern die Luftmassen quollen wie das fruchtbare Versprechen einer unsagbaren Gewissheit, war nun ganz nahe gerückt. Die Neuland lag vor Anker. Haderling sah seinen ersten Steuermann Muth, wie er sich lachend mit einem fremden jungen Mädchen unterhielt. Sie hatte braune Haut und lächelte klug, verlegen und lockend. Auch Wager stand bei einem Mädchen an der Reiling und schien sichtlich von ihrem Zauber eingenommen, und schließlich erkannte der alte Kapitän, dass alle seine Männer mit süßen Schönheiten zu Gange waren, und der Ausdruck ihrer Seemannsgesichter erzählte von den Freuden des Ankommens. In Haderlings Kopf hämmerte es dumpf, und er versuchte, die unverständlichen Dinge zusammen zu fügen und sinnvolle Gedanken aus Wortfetzen zu formen: Nebel - Regenwald - Insel - Anker - Matrosen - sehnsüchtige Kindergesichter - neues Land - fremde Frauen... Nach und nach verstand Haderling, was hier während seiner Ohnmacht geschehen sein musste. Und diesmal war es kein stummer Schrei, der jetzt durch die duftig wehenden Lüfte drang, diesmal war es der heisere, dennoch durch alle Matrosenverzückungen dringende Befehl eines wie nie zuvor in seinem Leben alleine stehenden alten Kapitäns mit verpissten Hosen: Alle Mann ... antreten! Die zerschmetterte Stimme zerriss die alles umfassende Glückseligkeit auf der Bark. Und alle seine Männer, alle fremden Frauen schauten auf zu dem wahnsinnigen Gespenst, das sie aus ihrem selbstzufriedenen Sein herauszerren wollte wie feindliches Kanonenfeuer an einem wunderbaren Sommertag. Und aus den prallgefüllten Hosen der Männer wuchs durch ihre federleichten Lenden hindurch ein knappes Wort in ihre Köpfe hinein, das sie in ihrer früheren Hoffungslosigkeit niemals zu kennen wagten. Ein Wort, das in allen Sprachen der Welt die Ausgeburt menschlichen Eigenwillens war: Nein! schallte es Haderling aus missmutigen Gesichtern unhörbar leise entgegen, doch er vernahm das Wort dennoch laut wie einen Donnerschlag und wusste, seine Zeit war zu Ende.
Als die Männer ihn festbanden, wehrte er sich nicht. Als er tage- und nächtelang wie ein gefangenes Tier am Mast gefesselt war, schrie er nicht. Als man ihm Wasser geben wollte, damit er nicht krepiere, trank er nicht, und man musste ihm den Trunk mit Gewalt einflößen. Die Tage und Nächte, in denen er unbeweglich und schlaff ins Leben hineinhing, hatte keiner gezählt. Was Haderling sah, war der endlos blaue Himmel, was er roch, war die elende Würze des fremden Inselwaldes, was er dachte, war: Aufgeben! - Haderling war dort angekommen, wo er nicht hin wollte, und er wusste, dass er nicht mehr in der Lage war, noch irgendetwas an seinem Schicksal zu ändern. Plötzlich dachte er das Wort Ankommen, und verächtlich formte er die drei Silben mit seinen salzig aufgerissenen Fetzenlippen, als eine braunhäutige Schönheit vor ihm stand und ihm etwas zu essen reichen wollte. Was hast du daran auszusetzen, fragte sie ihn mit ruhiger, warmherziger Stimme. Was ist es, was dir am Ankommen nicht gefällt, alter Mann? sagte sie. Haderling war verwundert. Woher weißt du... wollte er in dieses frische Gesicht hinein fragen, aber er ließ es sein. Ankommen ist wie Aufgeben, antwortete er stattdessen. Wer ankommt, wer mit Haut und Haar ankommt, der gesteht sich ein, dass er seinen unerfüllten Sehnsüchten nicht mehr länger standhalten kann! schob er mühsam aus seinem ausgetrockneten Gaumen hervor, und endlich hatte er wieder seine klaren Gedanken gefunden. Du bist hart, antwortete ihm die Schöne, du bist zu hart gegen dich selbst, und du weißt es. Und du bist zu hart gegen deine Männer, und auch das weißt du. – Meine Männer werden hier bei euch verrecken, krächzte Haderling, ihre einstigen Träume werden sie euch vor die Füße kotzen, und sie werden es Liebe nennen und Heiraten und Familie gründen und Haus und Heimat... – Nein, Haderling, sie werden ankommen am Ziel ihrer Sehnsucht, entgegnete ihm die Frau ruhig, und sie werden fortan frei über ihr Glück entscheiden, sie brauchen dazu jetzt keinen Kapitän mehr! - Haderling schwieg sein allerletztes Schweigen.
Warum hast du dich so gegen deine Ankunft gewehrt, du armer alter Mann? fügte die Schöne nach einer Weile hinzu. Haderling verfluchte ihre Frage. Er verfluchte sie so lange, bis er zu lange damit zugebracht hatte, sie zu verfluchen, um es noch vermeiden zu können, über sie nachzudenken. Warum hatte er sich gegen die Ankunft gewehrt, schallte es ihm durch seinen eingetrockneten Schädel, und irgendwo am Ende des Tunnels seiner zermarterten Gehirnwindungen fand er wie die Lichtfetzen eines fernen Leuchtturms seine Antwort durch den Nebel vergrabener Wünsche hindurch sickern. Die Antwort war mehrstimmig, und ihre Facetten hießen erst Abenteuer, dann Entdeckungsdrang, dann Neugierde, dann Langeweile und schließlich Angst. Und Haderling wusste, er hatte Angst, sich niederzulassen, Angst, sich selbst und sein Leben zu verpassen, Angst, seine feurige Sehnsucht, die ihn stets am Leben zu halten schien, aufzugeben, Angst, seinen Drang nach Neuland zu verlieren, indem er dieses erreichte! Deshalb war er sein Leben lang unterwegs gewesen, und das war seine Mission, und die wollte er an seine Männer weitergeben, und wenn er noch irgendetwas im Leben weiterzugeben hätte, dann das! Dies alles schwang sich nun unhaltbar durch seine zerrütteten Denkkanäle, und als das Ende seiner inneren Worte gekommen war, fühlte er Leere, nur noch eine allerletzte Leere, und salzige Altmännertränen netzten seine Fetzenlippen.
Als die Männer ihn Tage später losbinden wollten, war ihr alter Kapitän bereits gestorben. Muth, der erste Steuermann, wollte das Seemannsbegräbnis. Wager, der zweite Steuermann, befürwortete die Verbrennung der Leiche, die bereits in den Verwesungszustand überging. Hungrig, der junge Matrose, legte das Feuer an den mit Öl überschütteten Leichnam und sah dem Alten das letzte Mal in sein lebloses Gesicht. Haderling schien zu lachen, wusste der Junge später zu berichten. Er lachte in seinem stinkenden Tod, als wäre er besessen, als wäre er im tiefen Wahnsinn aus dem Leben geschieden. So erzählte man sich. Und so erzählten es sich von nun an noch Generationen von Seefahrern, die das Gespenst Kapitän Haderlings in so manchen fürchterlichen Vollmondnächten an den Masten ihrer Schiffe gebunden vorfanden. Doch eine - eine wusste es besser! Es war eine jener Schönheiten einer fremden, vertrauten Nebelinsel, welche die Neuland einstmals ansteuerte. Und die Schönheit hieß Komm, und sie hatte dem sterbenden Kapitän einst etwas zu essen und eine Frage gereicht. Und viel später, als Haderling seine miefige alte Hülle schon längst verlassen hatte, da waren die beiden am Inselstrand entlang spaziert und ließen sich den würzigen Wind um ihre frischen, nackten Körper wehen wie die unverhüllte Antwort auf eine Frage, die jahrhundertelang nicht gestellt werden durfte. Und Haderling war angekommen.
Rückblick: Neuland #2 – Haderlings Ohnmacht
Als Kapitän Haderling zu sich kam, lag er wieder in seiner stinkenden Kajüte. Unter seinen Beinen war die Matratze nass und kalt. Er rappelte sich auf und kroch an Bord. Er fand die Männer bei einer Feier. Das Land, das sattgrüne Land, aus dessen endlosen Bergwäldern die Luftmassen quollen wie das fruchtbare Versprechen einer unsagbaren Gewissheit, war nun ganz nahe gerückt. Die Neuland lag vor Anker. Haderling sah seinen ersten Steuermann Muth, wie er sich lachend mit einem fremden jungen Mädchen unterhielt. Sie hatte braune Haut und lächelte klug, verlegen und lockend. Auch Wager stand bei einem Mädchen an der Reiling und schien sichtlich von ihrem Zauber eingenommen, und schließlich erkannte der alte Kapitän, dass alle seine Männer mit süßen Schönheiten zu Gange waren, und der Ausdruck ihrer Seemannsgesichter erzählte von den Freuden des Ankommens. In Haderlings Kopf hämmerte es dumpf, und er versuchte, die unverständlichen Dinge zusammen zu fügen und sinnvolle Gedanken aus Wortfetzen zu formen: Nebel - Regenwald - Insel - Anker - Matrosen - sehnsüchtige Kindergesichter - neues Land - fremde Frauen... Nach und nach verstand Haderling, was hier während seiner Ohnmacht geschehen sein musste. Und diesmal war es kein stummer Schrei, der jetzt durch die duftig wehenden Lüfte drang, diesmal war es der heisere, dennoch durch alle Matrosenverzückungen dringende Befehl eines wie nie zuvor in seinem Leben alleine stehenden alten Kapitäns mit verpissten Hosen: Alle Mann ... antreten! Die zerschmetterte Stimme zerriss die alles umfassende Glückseligkeit auf der Bark. Und alle seine Männer, alle fremden Frauen schauten auf zu dem wahnsinnigen Gespenst, das sie aus ihrem selbstzufriedenen Sein herauszerren wollte wie feindliches Kanonenfeuer an einem wunderbaren Sommertag. Und aus den prallgefüllten Hosen der Männer wuchs durch ihre federleichten Lenden hindurch ein knappes Wort in ihre Köpfe hinein, das sie in ihrer früheren Hoffungslosigkeit niemals zu kennen wagten. Ein Wort, das in allen Sprachen der Welt die Ausgeburt menschlichen Eigenwillens war: Nein! schallte es Haderling aus missmutigen Gesichtern unhörbar leise entgegen, doch er vernahm das Wort dennoch laut wie einen Donnerschlag und wusste, seine Zeit war zu Ende.
Als die Männer ihn festbanden, wehrte er sich nicht. Als er tage- und nächtelang wie ein gefangenes Tier am Mast gefesselt war, schrie er nicht. Als man ihm Wasser geben wollte, damit er nicht krepiere, trank er nicht, und man musste ihm den Trunk mit Gewalt einflößen. Die Tage und Nächte, in denen er unbeweglich und schlaff ins Leben hineinhing, hatte keiner gezählt. Was Haderling sah, war der endlos blaue Himmel, was er roch, war die elende Würze des fremden Inselwaldes, was er dachte, war: Aufgeben! - Haderling war dort angekommen, wo er nicht hin wollte, und er wusste, dass er nicht mehr in der Lage war, noch irgendetwas an seinem Schicksal zu ändern. Plötzlich dachte er das Wort Ankommen, und verächtlich formte er die drei Silben mit seinen salzig aufgerissenen Fetzenlippen, als eine braunhäutige Schönheit vor ihm stand und ihm etwas zu essen reichen wollte. Was hast du daran auszusetzen, fragte sie ihn mit ruhiger, warmherziger Stimme. Was ist es, was dir am Ankommen nicht gefällt, alter Mann? sagte sie. Haderling war verwundert. Woher weißt du... wollte er in dieses frische Gesicht hinein fragen, aber er ließ es sein. Ankommen ist wie Aufgeben, antwortete er stattdessen. Wer ankommt, wer mit Haut und Haar ankommt, der gesteht sich ein, dass er seinen unerfüllten Sehnsüchten nicht mehr länger standhalten kann! schob er mühsam aus seinem ausgetrockneten Gaumen hervor, und endlich hatte er wieder seine klaren Gedanken gefunden. Du bist hart, antwortete ihm die Schöne, du bist zu hart gegen dich selbst, und du weißt es. Und du bist zu hart gegen deine Männer, und auch das weißt du. – Meine Männer werden hier bei euch verrecken, krächzte Haderling, ihre einstigen Träume werden sie euch vor die Füße kotzen, und sie werden es Liebe nennen und Heiraten und Familie gründen und Haus und Heimat... – Nein, Haderling, sie werden ankommen am Ziel ihrer Sehnsucht, entgegnete ihm die Frau ruhig, und sie werden fortan frei über ihr Glück entscheiden, sie brauchen dazu jetzt keinen Kapitän mehr! - Haderling schwieg sein allerletztes Schweigen.
Warum hast du dich so gegen deine Ankunft gewehrt, du armer alter Mann? fügte die Schöne nach einer Weile hinzu. Haderling verfluchte ihre Frage. Er verfluchte sie so lange, bis er zu lange damit zugebracht hatte, sie zu verfluchen, um es noch vermeiden zu können, über sie nachzudenken. Warum hatte er sich gegen die Ankunft gewehrt, schallte es ihm durch seinen eingetrockneten Schädel, und irgendwo am Ende des Tunnels seiner zermarterten Gehirnwindungen fand er wie die Lichtfetzen eines fernen Leuchtturms seine Antwort durch den Nebel vergrabener Wünsche hindurch sickern. Die Antwort war mehrstimmig, und ihre Facetten hießen erst Abenteuer, dann Entdeckungsdrang, dann Neugierde, dann Langeweile und schließlich Angst. Und Haderling wusste, er hatte Angst, sich niederzulassen, Angst, sich selbst und sein Leben zu verpassen, Angst, seine feurige Sehnsucht, die ihn stets am Leben zu halten schien, aufzugeben, Angst, seinen Drang nach Neuland zu verlieren, indem er dieses erreichte! Deshalb war er sein Leben lang unterwegs gewesen, und das war seine Mission, und die wollte er an seine Männer weitergeben, und wenn er noch irgendetwas im Leben weiterzugeben hätte, dann das! Dies alles schwang sich nun unhaltbar durch seine zerrütteten Denkkanäle, und als das Ende seiner inneren Worte gekommen war, fühlte er Leere, nur noch eine allerletzte Leere, und salzige Altmännertränen netzten seine Fetzenlippen.
Als die Männer ihn Tage später losbinden wollten, war ihr alter Kapitän bereits gestorben. Muth, der erste Steuermann, wollte das Seemannsbegräbnis. Wager, der zweite Steuermann, befürwortete die Verbrennung der Leiche, die bereits in den Verwesungszustand überging. Hungrig, der junge Matrose, legte das Feuer an den mit Öl überschütteten Leichnam und sah dem Alten das letzte Mal in sein lebloses Gesicht. Haderling schien zu lachen, wusste der Junge später zu berichten. Er lachte in seinem stinkenden Tod, als wäre er besessen, als wäre er im tiefen Wahnsinn aus dem Leben geschieden. So erzählte man sich. Und so erzählten es sich von nun an noch Generationen von Seefahrern, die das Gespenst Kapitän Haderlings in so manchen fürchterlichen Vollmondnächten an den Masten ihrer Schiffe gebunden vorfanden. Doch eine - eine wusste es besser! Es war eine jener Schönheiten einer fremden, vertrauten Nebelinsel, welche die Neuland einstmals ansteuerte. Und die Schönheit hieß Komm, und sie hatte dem sterbenden Kapitän einst etwas zu essen und eine Frage gereicht. Und viel später, als Haderling seine miefige alte Hülle schon längst verlassen hatte, da waren die beiden am Inselstrand entlang spaziert und ließen sich den würzigen Wind um ihre frischen, nackten Körper wehen wie die unverhüllte Antwort auf eine Frage, die jahrhundertelang nicht gestellt werden durfte. Und Haderling war angekommen.
Labels: Wiederholung vom Oktober 2006
2 Comments:
Faszinierender Dreiteiler.
Danke, freut mich.
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