Sonntag, 1. April 2007

Wilhelm Reich

„Ich habe ... Anschauungen verteidigt, vor denen mich mein inneres Gefühl warnte, denen ich aber nichts Besseres entgegen-
zusetzen hatte. ... Immer wieder passierte es, daß ich einen mir fremden Weg ging, bis mein inneres Widerstreben allzu stark mahnte und ich abbrach. ... Jede Beschäftigung mit einer Sache fraß mich ganz. Das gab viel Leiden, doch ich möchte es nicht missen. Es war meine größte Stärke.“
Wilhelm Reich, geboren am 24. März 1897, gestorben am 03. November 1957
Ich halte gar nichts von Götzenverehrungen und kenne nur sehr, sehr wenige Menschen, die in meinem Leben so etwas wie Helden geworden sind. Einer gehört auf jeden Fall dazu. Ein großer Naturforscher und Mediziner, ein großer Geist und Mensch, der immer und gegen alle Widerstände seinem ureigenen Weg treu geblieben ist und genau damit sein Schaffen weit nach vorne bringen konnte. Er ist einer derjenigen, der in der Erinnerung weiterlebt, während viele andere seiner einstigen Kollegen längst vergessen sind, und er ist einer derjenigen, dem die wirklich große Bedeutung seiner Arbeit vermutlich erst in der Zukunft beschieden sein wird. - In Gedenken an Wilhelm Reich nachträglich zum 110. Geburtstag.

4 Comments:

opa schrieb...

Meinst du das auch morgen noch ernst?

1. April 2007 15:50  
mkh schrieb...

:-) Aber klar doch!

Das meine ich seit 10 Jahren ernst und werde es morgen, so ich keine Amnesie erleide, garantiert noch ebenso ernst meinen.

Ich glaube im Übrigen nicht an manche Interpretationen, die Reich paranoides Verhalten für seine letzten Lebensjahre bescheinigen wollen. Vielleicht hat er sich bei einzelnen Überlegungen etwas verrannt, das mag sein, aber das ändert nichts an der Bedeutung seines Gesamtwerks, das ich für wissenschaftlich puren Pioniergeist halte.

Dass Reich aus mehreren Vereinigungen ausgeschlossen wurde, aus der Psychoanalytischen Gesellschaft ebenso wie aus der KPD, das spricht nicht gerade für diese Vereinigungen. Und dass seine Bücher bei den Nazis erstmals und bei McCarthy zweitmals verbrannt wurden, gereicht Wilelm Reich im Nachhinein zur Ehre.

Hast du dich mit ihm beschäftigt?

1. April 2007 16:32  
der Nachbar schrieb...

@mkh: Reich ist eine wichtige Figur innerhalb der Psychoanalyse. Er hat dort weitergemacht, wo Freud seinerzeit keine Antworten mehr hatte und sich u.a. darum auch abkehrte von einem Teil seiner ursprünglichen Theorie (und auch von Reich). Reich konzentrierte sich auf Fragen um den Energiehaushalt im Menschen, mit dem er versuchte, die Entstehung und die Aufrechterhaltung neurotischer Störungen zu erklären. Energieauf- und -abbau - das sind die wichtigen Stichworte bei Reich und er trug damit seinen Teil bei zum Verständnis der Entstehung von Neurosen, bspw. von Angst. Seine Erklärungen und Therapievorschläge distanzieren sich allerdings stark von kognitiven Ansätzen und das ist ein Manko, denn der Mensch wird eben nicht nur von seinen Trieben gesteuert, wenn auch gerade dies immer wieder gern unterschätzt wird in einer stark kognitiv ausgerichteten Welt. Zwei Seelen wohnen - ach, in seiner Brust...

1. April 2007 17:20  
mkh schrieb...

@Nachbar

Reich begann bei den Psychoanalytikern, das ist richtig, und er hat sehr bald eigene, neue Ansätze entwickelt. Er kann als Begründer aller heutigen bioenergetischen Ansätze in der Psychotherapie gelten, wenn auch längst nicht alle diese heutigen Ansätze noch viel mit Reich zu tun haben.

Aber Reich hat sich mehr und mehr weiter entwickelt. Die "Lebensenergie" oder "Orgonenergie", die er postulierte und empirisch beweisen wollte, übertrug er konsequent auf andere Bereiche, bspw auf die Atmosphäre, auf physikalische Phänomene usw.

Das ist eine hochspannende Angelegenheit, die wir aber hier nicht mit wenigen Sätzen abarbeiten können. Lesenswert dazu bspw. Bernd Senf, Die Wiederentdeckung des Lebendigen. Und es gibt viele andere gute und leider auch viele andere schlechte Bücher dazu!

Weiters ist zu sagen, dass bei Reich diese "Lebensenenerie" zwar manchmal auch mit "Sexualenergie" gleichgesetzt wird, aber es wäre viel zu kurz bemessen, wollte man ihm die Aussage unterstellen, der Mensch sei rein von seinen sexuellen Trieben gesteuert. Es geht vielmehr darum, dass sich durch Ängste etc. energetische Panzerungen aufbauen können, die man durch gezielte Methoden lösen kann.

Das hat mit Sexualität und Trieben erst mal nur marginal zu tun (wenngleich die Sexualität nicht eben schlecht geeignet ist, ziemlich viel gestaute Energie ins Fließen zu bringen). In diesem Punkt - wie in vielen anderen - wird Reich gerne fehlinterpretiert und unterschätzt.

Man muss an die guten Bücher über ihn gehen oder an die - leider etwas schwierig lesbare - Originalliteratur!

1. April 2007 19:28  

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